Von Heinz Kersten

Das wohl erregendste Thema unserer Tage, nämlich den Aufstand der östlichen Intellektuellen gegen die Versklavung des Geistes, wollen wir, wie schon in der letzten Nummer angekündigt, in einer Reihe von Berichten auszuleuchten versuchen. In dieser Folge spürt Heinz Kersten der Entwicklung in der Sowjetunion weiter nach; denn es wird oft übersehen, daß der Beginn der geistigen Auseinandersetzung hier und nicht in den Satelliten liegt. In Moskau begann es: wo es sich dann – freilich nicht nur mit geistigen Waffen – fortsetzte, ist bekannt...

Bald nach dem Tode Stalins erschienen die ersten literarischen Werke, die das Gesicht der Sowjetgesellschaft in einer Weise zeichneten, wie es vordem unmöglich gewesen wäre. Freimütig wurden darin zum erstenmal auch die Schattenseiten des bisher nur in leuchtenden Farben gemalten Lebens im "Vaterland aller Werktätigen" beleuchtet. Das im Westen am bekanntesten gewordene, wenn auch keineswegs einzige Werk dieser Art war Ilja Ehrenburgs Erzählung "Tauwetter", zuerst 1954 in der Mai-Ausgabe der literarischen Zeitschrift "Snamja" (Banner) veröffentlicht.

Da ist der Direktor eines großen Industriewerkes, ein menschlich abgestumpfter Ehrgeizling, dem die Steigerung der Produktion alles, das Wohlergehen der Arbeiter nichts bedeutet. Hartnäckig weigert er sich, für den Bau menschenwürdiger Wohnungen zu sorgen, bis ein Sturm die Baracke eines Werkangehörigen niederreißt und damit auch den Direktor aus dem Sattel hebt. Er wird nach Moskau zitiert – für seine Untergebenen ein sicheres Zeichen seines Sturzes. Treffend wird hier die Unsicherheit charakterisiert, in der alle Wirtschafts- und Parteifunktionäre ständig leben.

Am interessantesten aber sind Ehrenburgs Bemerkungen zur Situation der sowjetischen Kunst, die er meist einem von der Konjunktur emporgeschwemmten jungen Maler in den Mund legt. Dieser Wolodja Puchow ist ein Zyniker, der die Auffassung vertritt: "Alle lavieren, betrügen, lügen, die einen gehen dabei klüger, die anderen dümmer zu Werke." Eine andere Figur des Buches läßt Ehrenburg sagen, daß der Leser vor Sehnsucht vergeht nach Büchern, in denen die Wahrheit steht. Die positivsten Gestalten der Erzählung sind Wolodjas Vater, ein alter Bolschewik, der darüber enttäuscht ist, was aus der Revolution wurde, und sein Schulfreund Saburow, auch Maler, aber einer, der sich nicht der herrschenden Kunstrichtung unterwirft und lieber in Armut lebt. Heimlich beneidet ihn Wolodja, aber er resigniert: "Heute reißen alle das Maul auf über die Kunst und keiner liebt sie – so ist nun einmal unsere Epoche." Diese Epoche – sonst gepriesen als Blütezeit wahrer Kunst – bringt Menschen hervor wie Puchow: "Über Puchow debattiert und schreibt man, man ist entzückt von ihm, aber niemand weiß, daß in seinem Innern alles leer ist, daß sich hinter seiner Seele nichts verbirgt. Deshalb macht er sich auch über alles lustig. Wenn er sich eines Tages aufhängt, so wird das kaum etwas sein, worüber man sich wundern müßte."

Die Haltung vieler sowjetischer Intellektueller ist hier zweifellos richtig porträtiert, und man darf sogar annehmen, daß Puchow viele persönliche Züge des Chamäleons Ehrenburg trägt. Dieser prominente Schriftsteller-Millionär und Propagandist der von Moskau inspirierten "Weltfriedensbewegung", selbst ein Liebhaber abstrakter Kunst und Freund Picassos, hat bisher alle Schwenkungen der sowjetischen Kulturpolitik erfolgreich mitgemacht und konnte auch die an seiner Erzählung "Tauwetter" – der er zwei Jahre später einen "optimistischeren", wieder in Schönfärberei zurückfallenden zweiten Band folgen ließ – geübte heftige offizielle Kritik mit selbstbewußtem Auftreten geschickt parieren. Mit der Darstellung eines Typs wie Puchow aber gab er in einem "Augenblick der Wahrheit" doch einmal einen aufschlußreichen Einblick in die innere Verfassung von Intellektuellen seines Schlages, die gezwungen oder freiwillig einem diktatorischen Regime die kulturelle Fassade liefern. Wer nicht in die innere Emigration geht wie Saburow, versucht auf andere Weise, dem Alltag zu entfliehen: in die Arbeit – "Er kannte nur ein Mittel gegen die Verzweiflung – die Arbeit", sagt Ehrenburg von dem Ingenieur seiner Erzählung – oder in ausschweifenden Lebensgenuß, der oft im Alkoholismus seinen Ausdruck findet.

In der Wirklichkeit gibt es dafür Beispiele genug. So wurden im Mai 1954 vier bekannte Schriftsteller wegen Trunksucht und amoralischen Verhaltens aus dem Schriftstellerverband und der Partei ausgeschlossen. Von dem Dramatiker Ssurow schrieb die "Literaturnaja Gaseta", daß er "eine ganze Kette öffentlicher Skandale" veranlaßt habe. Im Hause der Schriftsteller und anderswo feiere er "genau solche schandbaren Orgien, wie früher die Ladenschwengel und notorischen Säufer in den Schenken". Von dem Romancier Woloschin berichtete das gleiche Blatt: "Er begann zu trinken, in der Öffentlichkeit zu randalieren und groben Unfug zu treiben, in kürzester Frist wechselte er vier Frauen. Alle Augenblicke wurde er sinnlos betrunken bei der Polizeiwache abgeliefert." Sein Kollege Galssanow unterschlug öffentliche Gelder, während der Dramatiker Wirta zum Bau seiner herrschaftlichen Villa Komsomolzen mobilisierte und dann darin auf Kosten der übrigen Dorfbewohner "wie ein feudaler ‚Barin‘ der Zarenzeit" lebte. Dem Alkoholismus verfallen war auch Alexander Fadejew, Autor des bekannten, zur Pflichtlektüre der FDJ gehörenden Romans "Die junge Garde", der den Widerstand gegen die deutschen Invasoren behandelt und nach Erscheinen umgeschrieben werden mußte, weil darin die Rolle der Partei nicht genügend hervorgehoben wurde. Im vergangnenen Jahr beging Fadejew Selbstmord.