Von Heinrich. David

In seiner Berliner Parteitagsrede sagte Dr. Reinhold Maier, indem er auf meinen Bericht über das Stuttgarter FDP-Treffen anspielte: "Der biblische David war ein König, aber kein Prophet! Schlagen Sie sich eine Zwischenregelung aus dem Kopf. Einmal da, bleibe ich auch. Ein Interregnum ist nicht beabsichtigt."

Gewiß beabsichtigt er nicht, als Lückenbüßer für ein Interregnum herzuhalten. Aber als ich die Prophezeiung wagte (ZEIT vom 10. Januar), daß nach Maier Weyer folgen werde, durfte ich mich auf deutlich geäußerte Absichten von Männern stützen, die in der FDP etwas zu sagen haben – am Rhein denkt man eben etwas weiter. Nun, die "jungen Leute" in der Parteiführung würden freilich einen Mann, der ihnen unsympathisch ist, nicht einmal für ein Interim vorgeschlagen haben. Reinhold Maier ist ihnen aber sehr sympathisch, besonders deshalb, weil er etwas von der Standfestigkeit seines Landsmannes Götz von Berlichingen hat.

Was aber ist ein Schwabe? Laut Tacitus, Germania, Kapitel 38 sind die Schwaben non una gens; majorem enim Germaniae partem obtinent; also nicht nur ein einzelner Volksstamm, sondern die Leute, die den größten Teil Germaniens bewohnen. Tacitus zählt viele schwäbische Stämme auf, die sich damals zwischen Thüringen und Lappland auf ihre spätere Rolle als die "Preußen Süddeutschlands" vorbereiteten und an denen der kundige Römer unzählige Merkwürdigkeiten der Haartracht, der Kriegführung, der Despotie und der religiösen Unterwürfigkeit feststellte. Schließlich nennt er als letzten und fernsten Stamm die Sitonen, die sich von einer Frau regieren lassen, "auf diese Weise nicht nur unter die Stufe eines freien Volkes, sondern sogar unter die eines versklavten absinkend". Worauf dann die bedeutungsvollen Worte folgen: Hier ist es mit den Schwaben zu Ende, hic Suebiae finis.

Eben an diesem kritischen Punkt der Weiberherrschaft ist auch die Eigenart Schorndorfs aufzuzeigen, eines Städtchens im Herzen von Württemberg, das im ganzen Land wegen der patriotischen Weiberrevolte vom Jahre 1688 bekannt ist. Die Frauen veranstalteten damals einen bewaffneten Aufstand mit anschließender Beamtennötigung und Parlamehtssprengung; mit dem Erfolg, daß der Stadtrat die bereits beschlossene Kapitulation vor dem französischen General Melac nicht vollziehen konnte. Dr. Reinhold Maier, in Schorndorf genau 201 Jahre später geboren, teilt mit seinen Schorndorfern die Skepsis gegen eine westeuropäische Einigung auf Grund deutsch-französischen Akkords und andererseits das Bedürfnis, durch männliche Standfestigkeit jeder weiteren Überrumpelung eines Parlaments durch ungezügelte Emotionen, wie sie zuweilen den Remstalerinnen eigen sind, vorzubeugen.

Hier im Remstal, unter den drei "Kaiserbergen" Rechberg, Stuifen und Hohenstaufen, in der Heimat Hans Baldung Griens und Gottlieb Daimlers, wächst der Strümpfelbacher Sorgenbrecher, der Stettener Pulvermächer, der Beutelsbacher und der Grafenberger. "Die heimischen Fluren, Sitten und Gebräuche lockten mich zurück", so bekannte Maier in Berlin; "im Ernst: meine Stärke ist der kleinere Bereich." Und wie hat doch Landsmann Uhland in der Paulskirche gesagt? "Es genügt nicht, staatsmännische Pläne auszusinnen und abzumessen, man muß sich in die Anschauung, in das Land selbst versetzen ..."

Und wenn es Maier nicht gelingen sollte, den Liberalismus von Uhland über Theodor Heuss auf die nächste Generation zu bringen, ja, wenn selbst die FDP unterginge – was wir ihr gewiß nicht wünschen –, Maier würde in die süddeutsche Geschichte eingehen als der Erneuerer des Herzogtums Schwaben in der Gestalt des "Südweststaates" Baden-Württemberg. –