Ein neues Buch des Maler-Autors

Bevor er nach New York abreiste, wo er fünfzehn seiner neuen Bilder ausstellte, brachte sich Salvador Dali noch einmal den Parisern ins Gedächtnis: Vor der Windmühle von Montmartre (der echten, die aus dem 17. Jahrhundert stammt) gab er eine Pressekonferenz, um zu verkünden, daß er dabei sei, den Don Quichote von Cervantes zu illustrieren. Der Hintergrund der Windmühle schien also gerechtfertigt. Dali aber präzisierte seine Ortswahl genauer: "Ich habe den Rahmen der Moulin de la Galette gewählt, weil die Atmosphäre hier so besonders muffig und spießerhaft ist, ideal geradezu, um mich herauszufordern, das gerade Gegenteil zu schaffen – ein leidenschaftliches Etwas, würdig der paranoischen hundertprozentigen spanischen Bewegung, deren Repräsentant ich bin." Vor den gebatikten Zuschauern tauchte Dali zwei Hörner, auf die er Brotstückchen gespießt hatte (man wußte, daß es sich um Rhinozeroshörner handelte) in schwarze Tusche und warf mit ihnen einige-Kleckse auf einen Bogen Papier, die die Flügel einer Windmühle darstellten. "Ich erschaffe durch das Brot die Mühle, nicht umgekehrt. Die Striche meiner Zeichnungen werden außerdem durch Schüsse einer Hakenbüchse aus dem 16. Jahrhundert fixiert werden." Er macht in die Bleikugeln Löcher, steckt Bleistiftstückchen hinein und schießt gegen die Malfläche, wodurch "Kraft- und Spannungslinien in jeder Richtung rasch, kräftig und sauber geschaffen werden".

Solche "künstlerische" Manifestationen wären nicht beachtenswert, hätte Dali nicht in seiner neuesten Schrift:

Salvador Dali: "Les Cocus du vieil art moderne." Fasquelle, Paris,

sein zeitkritisches Talent an den sakrosankten Vertretern der modernen Malerei geübt. Das Büchlein blitzt von frischen und frechen Gedanken. "Pablo, danke! Deine schändlichen letzten Bilder haben die moderne Malerei getötet. Ohne dich hätten wir noch hundert Jahre lang eine immer häßlichere Malerei gehabt, bis man zu deinen Vogelscheuchen gelangt wäre... Jetzt bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Augen wieder auf Raffael zu richten." – "Maler, fürchtet euch nicht vor der Vollkommenheit, ihr werdet sie niemals erreichen!" – "Buffet: gezierter als Puvis de Chavannes, ist kaum häßlich. Das (Buffets Akte) kann nicht schlimmer werden, denn Picasso hat das alles umgebracht."

Im Nachwort rät Dali den heutigen Malern, "Talent zu haben, oder noch besser Genie", "wie Velasquez malen zu lernen, oder noch besser, wie Vermeer", und "eine monarchische und katholische Kosmogonie zu besitzen". – Trotz solcher unzeitgemäßer Betrachtungen ist Dali bisher noch nicht von dem Papst des Surrealismus, André Breton, mit dem Bann belegt worden, jedenfalls in dem Wissen, das dieses Tändeln mit den Ideen der Tradition, diese verflacht und ins Absurde rückt.

Der Fall Dali liegt noch etwas komplizierter, denn er hat sich auch weniger dubiose Verdienste erworben. Als Maler schuf er nicht nur ein wesentliches Bild eines gewissen morbiden Geisteszustandes zwischen den beiden Kriegen, er hat auch als Schriftsteller jenen Krisenzustand gültig geschildert. Seine Selbstbiographie The Secret Life of Salvador Dali, die 1948 bei Vision, London, und 1952 bei Plön, Paris, herauskam, ist ein Zeitdokument – halb geistesgeschichtliches Zeugnis, halb klinischer Fall einer hypersensiblen und extrovertierten Persönlichkeit.