Schreiben Sie, daß ich Ihnen unbequem war und zu bleiben gedenke. Es gibt da auch nach meinem Tode noch gewisse Möglichkeiten." So sagte Brecht auf seinem letzten Krankenlager zu einem seiner Freunde, als die Rede davon war, daß dieser einen Nachruf für die Ostpresse schreiben sollte. Vielleicht dachte er dabei an die noch von ihm selbst vorbereitete Inszenierung seines "Galileo Galilei", jetzt am Ostberliner Schiffbauerdamm zu sehen.

Der Dichter sollte die erste Aufführung seines vielleicht eigensten Werkes im Osten nicht mehr erleben – für die Bundesrepublik brachte es Köln schon 1955 heraus –, aber wenn Ernst Busch im hochgeschlossenen grauen Kittel, die Haare strähnig in die Stirn gekämmt und listig aus den Augen blinzelnd, als Galilei im Rampenlicht steht, meint man fast, Brecht selbst zu sehen, etwa, wenn sein Held als Gefangener der Inquisition beim Diktieren eines völlige Übereinstimmung heuchelnden Briefes an den Erzbischof von seiner Tochter wissen will, ob da nicht "eine Ironie hineingelesen werden könnte". – muß man da nicht unwillkürlich an manche Ergebenheitsadresse Brechts an Pankow denken?

Natürlich besagen solche Darstellungen nicht, daß Brechts "Leben des Galilei" vor allem autobiographisch zu interpretieren sei. Aber welcher Autor verliehe nicht seinen Gestalten auch eigene Züge? Seinen "Galilei" schrieb Brecht 1938/39 im dänischen Exil, nachdem er in den Zeitungen die Nachricht von der Spaltung des Uranatoms durch deutsche Physiker gelesen hatte. Warnend läßt Brecht seinen Galilei den Wissenschaftlern zurufen: "Ihr mögt mit der Zeit alles entdecken, was es zu entdecken gibt, und euer Fortschritt wird doch nur ein Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, daß euer Jubelschrei über irgendeine neue Errungenschaft von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte." Als Jahre später Charles Laughton diese Worte in New York zum ersten Male von einer Bühne herab spricht, ist bereits die erste Atombombe gefallen...

Galilei träumte von einer volksverbundenen Wissenschaft, deren einziges Ziel darin besteht, "die Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern". Mit seinem Widerruf verriet er diese Vorstellung, und darin liegt seine von ihm am Ende bekannte Schuld, in der Brecht, wie er in den "Anmerkungen zu ‚Leben des Galilei schreibt, die " ,Erbsünde’ der modernen Wissenschaften" sieht.

So steht in dem Stück auch die Kirche stellvertretend für die Obrigkeit schlechthin. Im Vergleich zu dem kalten, unmenschlichen Großinquisitor aus Schillers "Don Carlos" ist Brechts Großinquisitor ein kluger verbindlicher Mann, der für seinen Gegner sogar ein gewisses wohlwollendes Verständnis aufbringt. Der Papst zeigt sich den Wissenschaften aufgeschlossen und stellt fast widerwillig die Machtinteressen Roms über die Anerkennung der erwiesenen Wahrheit.

Die Aufführung des um zwei Szenen gekürzten Stücks durch das Berliner Ensemble unter der kongenialen Regie Erich Engels war ein Musterbeispiel für gute Interpretation epischen Theaters. Eine idealere Verkörperung der Titelgestalt als durch Ernst Busch kann man sich schwer vorstellen. Regine Lutz machte die Tochter Galileis überzeugend glaubhaft. Ernst-Otto Fuhrmann lieferte als geistig beweglicher Kardinal und späterer Papst in Yul-Brynner-Maske eine interessante Studie, und Norbert Christian bot einen schablonefreien Großinquisitor. Eine große, enthusiasmierte Brecht-Gemeinde spendete begeisterten Premierenbeifall. p. m.