Von Marion Gräfin Dönhoff

Neu-Delhi, im Februar

In den indischen Zeitungen gibt es immer eine Rubrik, die sich mit dem Wetter beschäftigt. Neuerdings findet man dort die Regenfälle nicht ausschließlich mehr in inches angegeben, sondern auch in Millimetern; und hinter den Fahrenheit-Graden stehen in Klammern die Celsius-Grade verzeichnet. Ab 1. April sollen dann nur noch die Millimeterzahlen und die Celsius-Grade mitgeteilt werden. Am gleichen Tage werden alle die vielen kleinen Münzen vom Pies bis zum Zwei-Anna-Stück aus dem Verkehr gezogen und durch Münzen des Dezimalsystems ersetzt. Am gleichen Termin werden ferner ungezählte Wegweiser und Entfernungsangaben in diesem riesigen Reich von Meilen auf Kilometer umgestellt. Ähnlich wird man mit den Gewichten verfahren; in der Welt der Technik werden sich nach und nach große Umwälzungen vollziehen, von denen alle Abmessungen, Gewinde, Bohrungen betroffen werden: denn Indien geht zum Dezimalsystem über.

Schritt für Schritt, langsam und unbeirrbar geht Indien den Weg der Modernisierung und Zentralisierung. Als die Engländer herausgingen, reduzierten die Inder die Anzahl der Staaten Britisch-Indiens und der 560 Prinzenstaaten auf zusammen 27 Staaten. Es gab ein bißchen Geschrei bei den bis dahin souveränen Maharadschas. Und in zwei Ländern, in Heidarabad und Junagat, wurde auch ein bißchen Gewalt angewandt, aber im ganzen ging die "Reichsgründung" erstaunlich reibungslos vor sich.

Nachdem die für viele schmerzhafte große Zentralisierung überstanden war, trat eine Kommission zusammen, um die endgültige Einteilung der Staaten entsprechend den Sprachen vorzubereiten und Vorschläge für eine Neueinteilung auszuarbeiten. Auch diese ist inzwischen in die Tat umgesetzt worden. Im Jahr 1956 sind jene 27 Staaten auf 14 Staaten reduziertworden. Eine gewaltige Leistung, wenn man bedenkt, wie lange es bei uns gedauert hat, um im Gebiet von Baden und Württemberg eine neue Einteilung durchzusetzen.

Ich fragte einen Inder der alten Garde, der mit Gandhi und Nehru zusammen für die Unabhängigkeit des Landes gekämpft und viele Jahre im Gefängnis gesessen hatte, ob sie eigentlich schon damals ihre heutigen außen- und wirtschaftspolitischen Grundsätze festgelegt hätten oder ob die Entwicklung seit der Unabhängigkeit sie auf einen ursprünglich nicht vorgesehenen Weg gedrängt habe. Er sagte: "Sehen Sie, Nehru hat sich 15 Jahre lang auf den, wie man damals meinte: Außenministerposten vorbereitet. Seine, nein, unser aller Linie hieß: alle antikolonialen Bestrebungen unterstützen, keine politischen Bündnisse eingehen, den dezentralisierten Staat (Divide et Impera) zentralisieren und erst einmal das eigene so rückständige Land entwickeln mit dem Ziel, eine politische und wirtschaftliche Demokratie (wirtschaftliche Demokratie, das heißt: Sozialismus) zu etablieren."

Noch sind keine zehn Jahre vergangen, seit die Inder ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen, und doch ist Indien heute schon in weltpolitischen Fragen zu einer Macht erster Ordnung geworden, obgleich es keine Ölproduktion besitzt und obwohl seine 380 Millionen Bewohner sich einstweilen noch mit einem Durchschnittsjahreseinkommen von 260 DM pro Kopf begnügen müssen.