Arnsberg, im Februar

Eigentlich ist im Sauerland jetzt Hochsaison für Wintersport. Aber die Warmluft aus den Tälern hat im Augenblick, wo diese Zeilen geschrieben werden, den Schnee auch von den Höhen abgeschmolzen. Dennoch wäre es voreilig, Schlüsse aus dem Wetter rundum in den rheinisch-westfälischen Städten zu ziehen, deren Wintersportgebiet das Sauerland ist. Am letzten Sonntag im Januar war der Unterschied besonders drastisch. Die Wetterwarte auf dem Kahlen Asten, der Signalturm für Zehntausende von wochenendlustigen Schneefahrern, hatte den Sonderzügen im westdeutschen Einzugsgebiet das Startsignal gegeben. Am Sonnabendmorgen hatte es droben geschneit. Doch in der Nacht zum Sonntag stieg das Thermometer bei stundenlangem Regen sogar auf den Sauerlandhöhen bis plus 3,5 Grad an. Schöne Bescherung also? – Keineswegs. Die Wetterfrösche auf dem Astenturm behielten recht. Gerade noch rechtzeitig drehte die Warmluft wieder ab. Der Wintersport konnte bei herabgesetzten Ansprüchen stattfinden.

Die Orte des Sauerlandes, die 700 bis 800 m hoch liegen, gelten beim Westdeutschen Skiverband als unbedingt schneesicher (sofern überhaupt Schnee gefallen ist). Die bekanntesten Plätze dieser Höhengruppe sind im Hochsauerland Winterberg, Alt-Astenberg, Neuastenberg, Nordenau, Rimberg und Fredeburg, Jagdhaus und Schanze. In dieser Zone liegen auch das weniger bekannte Gebiet um Meinerzhagen und im Waldecker Upland die Orte Willingen mit seiner Mühlenkopfschanze und Usseln, das eine Skischule eröffnet hat. Dort gibt es weniger bewaldete Berghänge, die als Ablaufstrecken geeignet sind. Rund zwanzig Sprungschanzen besitzt das Sauerland für hochtrainierte Skiläufer (bei Winterberg allein sind schon sechs). Um diese Attraktionspunkte arrangiert sich ein Veranstaltungsprogramm, das für die winterlichen Besucher des Sauerlandes, mögen sie selbst nun Rodler oder Skihasen sein, spannende Augenblicke und manchmal Sensationen enthält. Auf deutschem Boden weisen nämlich außerhalb der Alpen die Skisportveranstaltungen von Winterberg, Willingen und Usseln stets eine große und oft eine internationale Springerbesetzung auf.

In diesem Jahr scheint nun der Wintersportkalender durcheinandergeraten zu sein. Gewohnheitsmäßig beginnt die schneesichere Saison im Sauerland um den 20. Januar. Diesmal ereignete sich jedoch, was nur in unseren Kindheitserinnerungen wahr und heute fast ein Märchen ist: weiße Weihnachten. Sogar um die Jahreswende lag in den west- und norddeutschen Mittelgebirgen Schnee. Der Versuch, Silvester und Neujahr wenigstens im Harz unterzukommen, war vergeblich. Berlin, Hamburg, Bremen und Lübeck schienen sich diesseits der Zonengrenze am Brocken ein weißes Stelldichein zu geben. Drei Wochen später, also pünktlich zu Saisonbeginn im Sauerland, glich auch Winterberg einer Großstadt.

Während in den Niederungen das Wetter diesig und verdächtig warm war, wurden an diesem 20. Januar im Gebiet des Kahlen Asten 20 000 Gäste gezählt. Sie kamen mit Sonderzügen, mit Omnibussen und in eigenen Wagen. Tausende von parkenden Autos säumten kilometerlang einseitig die Höhenstraße. Vom frühen Morgen an war die Verkehrspolizei, oft verzweifelt, bemüht, den Verkehr flüssig zu halten. Bei Neuastenberg gab es schon am Vormittag eine anderthalbstündige Stockung. Immerhin, im ersten Gang fahrend, kam man bis Mittag ans Ziel. Die sechs Sprungschanzen, die Bobbahn (mit fast 13 Prozent Gefälle), eine große Eisbahn mit Schlittschuhkursen für Anfänger und Fortgeschrittene – das ist weniger ein Sonntagsvergnügen für Passanten. Doch auch diese kamen auf ihre Kosten. An den Hängen gab es keine Verkehrspolizei und die unsicheren Fahrer konnten die neuen Ski im Gedränge vor "Bruchsalat" allzuoft nur durch Hinsetzen retten. Aber es ist ja so bequem, von Skiliften sich wieder nach oben ziehen zu lassen. Wer von solchem halbsportlichen Ehrgeiz nicht gequält wurde, der glitt behaglich durch die Wälder. Zunächst den vielen planvoll angelegten Kurwegen entlang und dann, je nach Können, querab ins Tal. Auf sanft ansteigenden Straßen oder mal grätschend, mal mit den Stöcken nachschiebend erreichte man im genußreichen Langstreckenlauf wieder die Höhe von Winterberg.

Nicht unbedingt dürfte das Ziel eines Urlaubers, der die staubfrei stärkende Winterzeit wählt ein Wintersportplatz mit Großstadtbetrieb sein. Doch das Sauerland, das "Süderland" der tausend Berge, ist weit. 5000 Betten bietet es insgesamt seinen Gästen, und "Schneelöcher" halten einmal gefallenen Schnee stellenweise vierzehn Tage länger fest als andere Gegenden. So werden auch Orte an der zweiten Schneegrenze, die zwischen 500 und 600 m Höhenlage verläuft, empfohlen. Der Westdeutsche Skiverband ist damit beschäftigt, ein erst kürzlich entdecktes Wintersportgebiet Wildewiese zu entwickeln. Es ist im südlichsten Zipfel des Kreises Arnsberg, zu finden und liegt rund 600 m hoch. Eben hat es einen neuen Skilift bekommen. In einigen Jahren hofft man, mit dem Kahlen Asten konkurrieren zu können. An unserem Stichtag, dem 20. Januar 1957, als Winterberg bei minus sechs bis fünf Grad eine Schneehöhe von 20 cm hatte, lagen im "Wildewiese"-Gebiet bei zwei Grad minus sogar 33 cm Schnee. Auch zum Rodeln ist gute Gelegenheit.

Ja, und wenn es nun partout und überall taut? Keine Angst. Ich habe ’mal eine ganze Januarwoche im Sauerland gesessen und keinen Fitzel Schnee gesehen. Ich habe mich dennoch prächtig erholt. Die Luft, die Berge, die Wege und die schönen Fernblicke bleiben ja, sofern man vormittags und nachmittags – wandert. Abends freilich und für die Nacht möchte man dann komfortabel umhegt sein. Den Herbst-Urlaubern haben wir eine Reihe der wohnlichsten Gasthöfe, die zum Teil erstklassige Hotels sind, in der ZEIT Nr. 34/ 956 genannt. Sie sind auch den Wintergästen, die Ruhe, Erholung suchen, zu empfehlen. Zwei Häuser seien noch nachgetragen. Wer im Süden des "Süderlandes" domizilieren will, wo südlich der Eder die "Sackpfeife" auf 647 m ansteigt, der findet in Laasphe das Hotel Fasanerie als bestrenommiertes Haus. Der Referent reiste mit einem Hund und beschränkte sich, da sein vierbeiniger Geselle dem menschensorglichen Wirt weniger erwünscht war, auf ein gutes Mittagessen. Außer der traulichen Biedermeier-Atmosphäre inmitten altertümlicher Wandbilder und Geweihe ist mir besonders der gepflegte Rotwein in Erinnerung geblieben. Zum andern: Nördlicher, zwischen Schmallenberg und Oberkirchen, an den 769 m "Hohen Knochen Gipfel geschmiegt, liegt das Berghotel "Haus Hoher Knochen". Ein Holzkaufmann ließ hier seinem Sohn für einen Bauernhof ein Waldstück roden. Wider Erwarten gewann er einen Ausblick, der zu den anziehendsten im Sauerland gehört. Das Hotel mit Dependance, von einer Frau Wirtin betrieben, die sich mit betontem Stolz "Landwirt" nennt, ist anheimelnd eingerichtet. Es hat alle Aussicht, eine Konkurrenz für den Gasthof Wiese im verschwiegenen Weiler Jagdhaus zu werden. Unter Kennern des Sauerlandes sagt das alles. Peter Johannsen