Von Ludwig Marcuse

Die meisten Bücher sterben in den ersten Jahren an Kinderkrankheiten. Die bösartigste heißt: Aktuellitis; man war so aktuell, daß man die Saison nicht überlebte.

Im letzten Jahrzehnt gab es in Deutschland ein Büchersterben ganz besonderer Art: Schriftsteller der zwanziger wurden der Vergessenheit entrissen und mußten nicht selten erleben, oft bei lebendigem Leibe, daß ihnen die Auferstehung gar nicht bekam; es stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß man nicht nur vergessen, sondern außerdem auch noch tot war.

Joseph Roth war nie aktuell. Es gab nie den neuesten Roth, die Sensation des Winters. Er wurde nie umkämpft. Er wurde nicht einmal übersehen; seit dem "Hiob", drei Jahre lang, bis Deutschland ihn vertrieb, war er ein ganz erfolgreicher Romancier. Aber kein Neutöner und kein Altmeister, kein Traditionalist und kein Experimentierer. Die Kritiker brachten ihn weder mit Husserl noch mit der Quantentheorie in Verbindung, auch nicht mit irgendeiner Soziologie. Er schrieb, trank und wurde vergessen. Jetzt ist er wieder da, umfangreicher als je – zweiundeinhalbtausend Seiten stark, einer der blühendsten Kontinente im poetischen Universum dieser Zeit:

Joseph Roth: "Werke in drei Bänden." Kiepenheuer & Witsch, Köln; je Band 19,80 DM.

Als die drei stattlichen Dünndruckbände hier anlangten, nahm ich, noch stehend, die Rothsche Leseprobe vor. Ich war nämlich bisweilen anwesend, wenn ein Buchpaket bei ihm ankam. Es war in Frankfurt, im Englischen Hof, oder in Berlin, im Hotel am Zoo, oder in Paris, im Foyot. Er öffnete, mit einem winzigen, schlanken Federmesser. Er schlug das Buch auf, es war vielleicht die Seite 48. Er versenkte sich so tief in diese Seite, als würde er nie wieder auftauchen. Sein Gesicht war eine Bühne, auf der alles, was ihn bewegte, deutlich ausgespielt wurde. Dann kam es vor, daß das Messenden in seiner Rechten ruckhaft zu tanzen begann – plötzlich stak es mitten im Band. Angeekelt ließ Roth ihn abservieren. Er nahm schlechte Bücher übel. Verkrüppelte Sätze reizten ihn bis aufs Blut.

Nach seinem Vorbild griff ich zu einem der drei Bände und schlug die Seite 48 auf. Fünf Minuten später war es immer noch die Seite 48. Man wird nicht zu Seite 49 vorwärtsgerissen. Man kann sich nicht trennen. Da ist soviel Neues auf Seite 48, daß gar keine Neugierde entstehen kann. Das Neue ist zum Beispiel dieser kleinbürgerlich-alltägliche Tisch in der guten Stube des Wachtmeisters Slama. Das Neue ist, wie ein blutjunger Leutnant, Liebhaber der gerade verstorbenen Wachtmeisterin, nicht weiß, wie und in welchem Moment er zu kondolieren hat. Das Neue ist, wie der Witwer jede Bewegung etwas zu spät macht – ein großartig-plastisches, sinnliches Abbild der Verwirrung. Diese Menschen "leben" nicht. Sie sind auch nicht psychologisch reflektiert, Sie sind zwischen Photographie und Röntgenbild das Produkt eines denkenden Auges, eines interpretierenden Ohres; die Ideen erscheinen in der Fülle aller Sinne.