Paris, im Februar

Ein unerwarteter Frühlingswind weht durch Paris. Die Modesaison, die mit trüben Vorahnungen begann, bewies Mut, Einfallsreichtum und damit ihre Lebensfähigkeit. Als arges Omen zwar hatte man das Verschwinden des Hauses Germaine Lecomte gewertet, das wenige Tage vor Beginn der Frühlingsmodeschauen bekannt wurde. 37 Jahre lang hatte Germaine Lecomte als ideale Vertreterin einer dezenten, pariserisch damenhaften Eleganz gegolten, nun mußte sie vor Schulden und Steuerlasten kapitulieren – alt, aber ungebrochen genug, um ein Neubeginnen in Italien oder Brasilien zu planen.

Nachdem im Lauf der letzten Jahre schon fast ein Dutzend angesehener alter Häuser von finanziellen Schwierigkeiten erdrückt wurde, löste der Fall Lecomte pessimistische Spekulationen über den langsamen Erstickungstod der gesamten Haute couture aus. Dazu kam das alarmierende Gerücht, daß auch Madame Fath ihren Modesalon in ein anspruchsvolles Konfektionsgeschäft verwandeln wolle ...

Eine Woche der neuen Frühlingskollektionen hat genügt, um diese trüben Gedanken wegzublasen! Weich und natürlich ist die neue Mode – eine Linie, die vor allem dem Charakter des Materials entsprang. Lockere Wollgewebe, Krepp, Musselin und Chiffon beherrschen das Feld und erlauben jenen saloppen Stil, der trotz eines lässigen Falls eine feine Silhouette modelliert. Duftige Voileblusen über einem gegürteten Rock sind eines der Leitmotive dieser Saison, ebenso Hemdblusenkleider mit weichgeknoteten Krawatten und – für den Abend – Kugelröcke, die über den Hüften locker aufgebauscht, am Saum wieder eng zusammengenommen sind.

All diese Ideen finden sich zum Beispiel bei Geneviève Fath, deren Schau die Abdankungsgerüchte Lügen strafte. Sie hat den Umfang und vor allem auch den Luxus ihrer Kollektion verringert, zeigt nur noch 75 Modelle – darunter kaum ein Abendkleid – und verspricht durch diese Einschränkungen bei gleicher Qualität niedrigere Preise. Ihre Modelle sollen zwischen 90 000 und 220 000 Frs kosten (1000 bis 3000 DM).

Höhepunkt der Modewoche war – wie zu erwarten – die Kollektion von Christian Dior. Seine ligne libre folgt dem allgemeinen Hang zur weichen Lässigkeit, und doch bleibt sie der strengen Tradition des Hauses treu. Diors perfekte Eleganz wirkt immer, als sei sie am Reißbrett errechnet. Diesmal erreichte er sein Ziel ohne Steifleinen und ohne Korsett, im Zeichen der „Freiheit“.

Den Kern seiner Kollektion bilden Jumperkleider, deren kurze Oberteile mit „schraubenartigen“, das heißt diagonalen Falten die Taille markieren, gegürtete Buschjacken und schmale, seitlich geschlitzte Futteralkleider, frei nach indochinesischem Vorbild. Die Schultern sind durch einen rechteckigen Ärmelansatz verbreitert, die Ärmel selbst kurz oder ellbogenlang. Horizontale Ausschnitte; die selbst beim Kostüm oft von Schulter zu Schulter reichen, werden von kleinen Kragen umrahmt.

Die von Dior verkündete Freiheit erstreckt sich bis auf die umstrittene Frage der Rocklänge. Sie schwankt bei ihm zwischen 20 und 35 cm vom Boden. Am kürzesten sind die weiten Faltenröcke, am längsten die engen Cocktailkleider, die oft bis an die Knöchel reichen oder vorne wadenlang, hinten mit einer Schleppe geschmückt sind.

Wenn die Modeschau des Hauses Dior Jahr für Jahr den ersten Rang einnimmt, wenn die Parade seiner 180 Modelle nie einen Augenblick der Langeweile oder des Überdrusses aufkommen läßt, dann liegt das vor allem an seiner verblüffenden Gabe des Maßhaltens. Selbst der kühnste Einfall wirkt bei Dior ausgewogen, gebändigt von einem sechsten Sinn für Proportionen.

Freilich war man – seit Balenciaga und Givenchy sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen haben – manchmal geneigt, einen jungen Feuerkopf herbeizuwünschen, einen Mann, der Pfeffer in die Modesuppe wirft. In dieser Saison nun stürmte ein ungebändigtes junges Talent auf die Bühne, ein neuer Name, der wenige Stunden nach seiner „Premiere“ schon unter die „Großen“ gezählt wurde. Guy Laroche ist knapp 30 Jahre alt und hat bisher als Modellist bei Jean Dessès gearbeitet. In einer bescheidenen Etagenwohnung mit zwölf Arbeiterinnen, entstand seine erste Kollektion, die ganz aus frechem jugendlichem Charme zu bestehen scheint.

Seine aufgepusteten Turbanröcke, seine vorn strengen, im Rücken drapierten Kostüme, seine kerzengraden, hinten geknöpften Hemdkleider erweckten halb verblüfften, halb entzückter Applaus. Weniger exzentrisch sind schlichte Wollkleider mit Faltenrock, deren durchgezogener Gürtel so lose geknotet ist, daß er fast auf den Hüftknochen rutscht, und schmale Plisseekleider, die ebenfalls durch einen lockeren Gürtel zusammengehalten werden. Guy Laroches Erfolg beruht teilweise auf seinen bestechenden Farbkombinationen. Er setzt den Modefarben dieses Frühlings – marine und sandbeige – unerwartete Glanzlichter auf, indem er sie mit türkisgrünem, rosenholzfarbenem oder himmelblauem Beiwerk zeigt, und verzichtet auf die – sonst allgegenwärtigen – Blumendrucke.

Seit dem Debüt des jungen Givenchy vor fünf Jahren wurde keinem Anfänger ein so enthusiastischer Empfang bereitet. Man begrüßt in Guy Laroche nicht nur einen einfallsreichen Modeschöpfer, sondern zugleich die Gewißheit, daß ein Stand nicht sterben kann, solange sein Nachwuchs sich lebendig zeigt. K. E. R.