Die Farbwerke Hoechst AG., vormals Meister Lucius & Brüning, Frankfurt (M)-Höchst, berichtete auf einer Pressekonferenz von einem erfolgreichen Jahr 1956. Die Umsätze haben sich um über 200 Mill. DM erhöht, und die Zuwachsquote ist mit gut 16 v. H. höher als im Durchschnitt bei der Chemiewirtschaft und auch bei der Gesamtindustrie. Das Investitionsprogramm 1956 wurde planvoll durchgeführt. Seit 1952, das heißt seit der Ausgliederung aus der alten IG Farben, wurden rund 800 Mill. DM investiert. Im laufenden Jahr wird sich vielleicht das Tempo etwas verlangsamen, es müssen aber weitaus größere Beträge, als die Abschreibungen erbringen, investiert werden. Der Exportanteil beträgt genau wie im Vorjahr etwa ein Drittel des Umsatzes. Die Lohn- und Gehaltsumme hat sich stärker als die Belegschaft selbst erhöht. Die Preise konnten trotzdem gehalten werden, für viele Erzeugnisse wurden sie sogar reduziert.

Die Forschung, für die im Jahre mehr als 5 v. H. des Umsatzes aufgewandt werden, bringt nunmehr ihre Früchte. Auf manchen Gebieten wurden neue Entwicklungen beendet, auf anderen wurden sie jetzt in Angriff genommen. Der erforderliche Zuwachs an Kunststoff-Rohstoffen kann infolge ungenügender Strombelieferungen nicht mehr allein aus dem Karbid kommen. Die Chemie wird deshalb in zunehmendem Maße auf die Erdölchemie angewiesen sein. Das hat Hoechst rechtzeitig erkannt. Die neue Crackanlage sichert dem Werk seine Rohstoffgrundlage. Alles in allem: es ist ein stolzer Vorbericht, den Prof. Winnacker, der Vorsitzende des Vorstandes, über 1956 erstattete.

Aber auch bei Hoechst ist man nicht ohne Sorgen. Das bedeutsame Auslandsgeschäft ist mühsam und risikoreich. Die Weltmarktkonkurrenz ist nirgends so stark wie auf dem Gebiet der Chemie. Die erlösbaren Preise sind ungünstig. Die Auslandskonkurrenz aber wird mit fortschreitender Liberalisierung und mit den Bestrebungen, zu einem gemeinsamen Markt zu gelangen, schärfer. Auf der anderen Seite wachsen die Kosten. Die Preise für Rohstoffe und Energie sind erheblich in die Höhe gegangen. US-Kohle und andere von Übersee kommende Rohstoffe werden bei gestiegenen Frachtraten immer teurer. Gegen diese Kosten-Preis-Schere wollen wir uns in Hoechst, so wurde argumentiert, durch eine weitere Verbesserung und Erneuerung unserer Betriebe wehren. Wir wollen neue Gebieteerschließen, auf denen wir wenigstens eine Zeitlang der Konkurrenz voraus sind. Dafür aber müssen wir investieren.

Das Aufbringen der notwendigen Kapitalbeträge ist heute nicht einfach. Die Börsenjournalisten waren der Auffassung, man müsse die Dividende erhöhen, wenn man für neue Kapitalerhöhungen eine Chance haben will. Die Verwaltung antwortete: "Wir haben hierüber noch keine Beschlüsse gefaßt. Die Börsenlage ist im übrigen undurchsichtig. Bei dem engen westdeutschen Markt genügt ein kleines Angebot, um die Kurse nach unten zu treiben. Die große Masse unserer Aktionäre aber denkt nicht an einen Verkauf der Aktien. Sie will auch nicht jeweils das Letzte an Dividende, was in einem Jahre möglich ist, herausholen, sondern sie wünscht eine über die Jahre hinaus gleichbleibende Rente. Wiewir uns entschließen werden, wissen wir noch nicht. Erst muß die Bilanz aufgestellt sein." – e b.