Von Janko Musulin

Weltinteresse an Ungarn im Abflauen – Wird Österreich allein gelassen? – Die Riesenbürde eines kleinen Landes

Ungarische Grenze, Anfang Februar

Der von Osten kommende Wind treibt Schnee über Feldraine und Wege. Hinter tanzenden Wirbeln taucht ein Vierkanthof auf. Starke Scheinwerfer beleuchten das rot-weiß-rote Tuch, das schon vielen, die von drüben kommen, in diesen Nächten der Trostlosigkeit und Furcht wie eine Fahne der Hoffnung erschienen sein muß. Es ist die am weitesten vorgeschobene Hilfsstelle des Malter Ordens, wo unser Jeep haltmacht. Hat man seit dem Mittelalter je von den Maltesern und Johannitern so häufig gesprochen wie in diesen Tagen im Burgenland? Wohl kaum.

Nein, es sind noch keine Flüchtlinge gekommen ... heute noch nicht; aber es ist alles für die Ungarn vorbereitet: die warme Stube, der heiße Tee, das immer wieder mit DDT behandelte Strohlager.

Eine junge, aus Ulm stammende Rot-Kreuz-Schwester führt uns herum. Erst hier, in der behaglichen Wärme, fühlt man, wie kalt es draußen war. Der österreichische Beamte, der in seiner Adjustierung mehr wie der tüchtige Vogt eines einsamen Bauernhofes wirkt, schlägt vor, daß wir rasten und uns ein wenig aufwärmen.

"Es ist etwas ruhiger geworden", sage ich zu der Rot-Kreuz-Schwester, "zumindest an dieserStelle der Grenze." – "Vorgestern waren es acht, gestern nur zwei", antwortet sie. – "Die Südroute, die über Jugoslawien führt, scheint nun das große Tor in die Freiheit geworden zu sein, nicht wahr? Etwa fünfhundert Menschen flüchten täglich in das Land Titos." – "Alles in allem dürfte Belgrad nun mit etwa 11 000 Flüchtlingen zu tun haben", meint der Beamte und knöpft sich die Pelzjacke auf. "Und da erklären sie bereits, daß die Aufgabe ihre Kräfte übersteigt. Zunächst haben sie sich allerdings geweigert, einen Vertreter des Hochkommissars für das Flüchtlingswesen bei der UNO zu empfangen. Ich hoffe, daß der Perser, den Dr. Linth nun dorthin gesandt hat, ein energischer Mann ist, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Wer aber hilft inzwischen uns? Bis Ende Januar hat Österreich an die 170 000 Flüchtlinge aufgenommen, von denen 70 000 noch im Lande sind, obwohl kaum mehr als 30 000 in unsere Wirtschaft eingegliedert werden können. Man sagt, daß die Flüchtlinge aus Ungarn kein europäisches, sondern ein Weltproblem sind; aber die Welt hat bisher so gut wie nichts getan."