Alle kennen wir den binsenwahren Sprach, mit dem man schon ganze Schülergenerationen aus Interesselosigkeit und Trägheit aufzuscheuchen versuchte – den Spruch, daß man in der Schule nicht für die Schule, sondern für das Leben lerne. Nun gibt es aber heute immer mehr Leute, die diese Binsenwahrheit sehr entschieden mit der Frage zu Leibe rücken, ob die Kinder in unseren Schulen denn wirklich für das Leben oder zumindest: ob sie genug für das Leben lernen.

Nicht, als ob die Pädagogen selbst sich diesen warnenden und kritischen Stimmen verschlössen. Im Gegenteil: wie bereit auch sie sind, nach neuen Wegen zu suchen, erwies sich deutlich auf der Vierten Schultagung der Deutschen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft, zu der sich 300 Lehrer und Wirtschaftler in Hamburg zusammengefunden hatten,

Der Disput, der hier wesentlich um die Frage kreiste, welche besonderen Anforderungen die allerjüngste technische Entwicklung, nämlich die Automatisierung, an die Schule stellen wird, dieser Disput erhielt seinen Zündstoff durch einen Vortrag des Hamburger Soziologen Dr. Kluth, in dem rigoros mit veralteten Vorstellungen gebrochen und eine überraschende Zukunftsperspektive entwickelt wurde. Gewiß: noch kann man nicht mit Sicherheit sagen, wie sich die Arbeitswelt durch diese technische Umwälzung verändern wird; soviel aber steht schon heute fest: von den Menschen, die als Bedienungs- und Reparaturpersonal in den automatisierten Fabriken und Büros arbeiten, werden Leistungen verlangt, die sich in das bislang geläufige Berufsschema nicht einordnen lassen. Statt handwerklicher Spezialkenntnisse müssen sie vor allem Konzentrationsfähigkeit (während acht Arbeiststunden leuchtet vielleicht nur ein einziges Mal die rote Warnlampe auf, aber auf diese Sekunde kommt es an), Reaktionsschnelligkeit und allgemeines technisches Verständnis mitbringen.

Angesichts einer solchen neuen Arbeitsform werden die traditionellen Vorstellungen etwa vom Handwerker- oder Kaufmannsberuf ganz und gar hinfällig. Nicht mehr ein spezifisches, sorgsam erlerntes Können ist wichtig, sondern das, was man heute schon die allgemeine "technische Intelligenz" nennt; ferner die Fähigkeit, schnell umlernen, sich schnell auf eine neue Tätigkeit einstellen zu können. Je mehr sich die Automatisierung ausbreitet, um so größer wird zwangsläufig die Zahl der Menschen werden, die keinen lebenslänglichen Beruf mehr ausüben können. An die Stelle des festen Berufs tritt bei ihnen der wechselnde "job".

Wie aber soll sich die Schule auf diese neue Situation einstellen? Dazu Kluth: Wenn unsere Jugend heute so häufig den Verlockungen der Technik verfällt, dann doch auch darum, weil sie oft zu einer Abneigung gegenüber der Technik erzogen wird. Aufgabe Nummer eins würde also lauten: schon frühzeitige Ausbildung eines technischen Verständnisses und Erziehung zu einer innerlich souveränen Haltung gegenüber der Technik. Weiter scheint wichtig, daß schon in der Schule die erstarrten Berufsvorstellungen aufgelockert und die jungen Menschen darauf vorbereitet werden, im Leben von einer spezifischen Beschäftigung ohne allzu große innere Schwierigkeiten zu einer andern überzuwechseln.

In der Sowjetunion ist die Schulzeit unlängst um drei Jahre verlängert worden; in den Vereinigten Staaten sind ähnliche Tendenzen zu erkennen. Daß man auch bei uns nicht immer noch mehr Stoff, in den ohnedies äußerst angespannten Lehrplan hineinstopfen kann, und daß die Schule den neuen Anforderungen nur gerecht werden kann, wenn man die Grundschulzeit um mindestens zwei Jahre verlängert – darüber waren sich fast alle Diskussionsteilnehmer völlig einig. "Denn", meinte ein Hamburger Studienrat, "kleine Korrekturen an unserem Schulsystem genügen nicht mehr, wenn man den Menschen des Jahres 2000 richtig erziehen will!" Hans Gresmann