Wer in den Nachkriegsjahren Gelegenheit hatte, ohne Voreingenommenheit Berlin zu besuchen, hat fast ausnahmslos (zuweilen mit Erstaunen) festgestellt: hier, im Angesicht des roten Totalitarismus, erscheinen viele wirkliche oder vermeintliche Probleme nicht nur in anderem Licht als etwa in Bonn oder an irgendeinem Ort im Bundesgebiet, sondern sie gewinnen oder verlieren auch an Gewicht. Wenn die deutsche Hauptstadt in diesen Tagen der Grünen Woche Berlin 1957 wieder einmal der Treffpunkt von Hunderttausenden ist, denen die Sicherung der deutschen Ernährung am Herzen liegt, so stehen auch sie bewußt oder unwillkürlich unter dem Eindruck dieser veränderten Optik. Vielleicht hat selbst der löbliche Entschluß der Ausstellungsleitung, unter Verzicht auf minutiöse Vollständigkeit Schwerpunkte zu schaffen – in diesem Jahr den Gartenbau und die Landtechnik – mit dazu beigetragen, den andernorts bis an die Grenze des Erträglichen zugespitzten Auseinandersetzungen zwischen bestimmten interessierten Gruppen und den Bonner Agrarstrategen die Schärfe zu nehmen und sie auf eine sachliche Basis zurückzuführen ...

Sowohl bei den offiziellen Eröffnungsansprachen als auch bei den zahlreichen Kundgebungen und Tagungen fiel geradezu wohltuend die maßvolle Zurückhaltung in der Polemik auf. Darunter litt keinesfalls die Überzeugungskraft der vorgetragenen Argumente. Was z. B. der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Gemüse-, ‚Obst- und Gartenbaues, Dr. h.c. Ernst Schröder, an Gefahren bei übereilter Schaffung eines voll liberalisierten gemeinsamen europäischen Marktes – wie er ohnehin bei der Verdoppelung der Einfuhren von Obst, Gemüse und Südfrüchten von 1,032 Mill. t im Jahre 1950 auf 2,182 Mill. t im vergangenen Jahr schon weitgehend besteht – anführte, war um so eindrucksvoll ler, als sich daraus kein Versuch herauslesen ließ, sich unter Verwendung ausschließlich schwarzer und weißer Farben auf Kosten der Verbraucher einer unabwendbaren Entwicklung zu widersetzen.

In einem bisher nicht zu beobachtenden Umfang stand der Gedanke des Gemeinsamen Marktes über zahlreichen Erörterungen. Diese Abkehr vom reinen Gruppenegoismus – die auch in der starken ausländischen Beteiligung von rd. 150 fremden gegenüber 250 deutschen Firmen zum Ausdruck kommt – machte manchen allein auf niedrige Preise bedachten Verbraucher nachdenklich, wenn er erfuhr, daß vor etwa einem Jahr die Lohndifferenz zwischen dem-Arbeiter auf dem Lande und seinem vergleichbaren Kollegen in der gewerblichen Wirtschaft schon 29 Pf je Stunde betrug, inzwischen aber trotz gewisser Lohnerhöhungen (weil die gewerblichen Löhne schneller wachsen ...) auf 41 Pf gestiegen ist.

Wenn die Berliner "Grüne Woche" im Wahljahr 1957 die (unwahrscheinliche) Folge hätte, Gift und Galle auch weiterhin aus der Diskussion zwischen Erzeuger und Verbraucher zu verbannen, wäre sie über ihre traditionellen Werte hinaus von unabsehbarer Bedeutung. gns.