Hannovers Deutsche Industrie-Messe hat sich von jeher mit besonderer Initiative der Förderung des Außenhandelsgeschäfts gewidmet. Dieser Aktivität ist schließlich ihr spezieller Charakter als exportorientierte Messe zu danken, den sie sich innerhalb der langen Rangliste der internationalen Messen erwerben konnte. Zum weiteren Ausbau dieser erfolgreichen Position wurde von der Deutschen Messe- und Ausstellungs-AG nun Ende vergangenen Jahres ein beachtenswerter Vorstoß in entwicklungsfähige Länder unternommen: Minister a. D. Alfred Kubel, Vorsitzer des Aufsichtsrats, unternahm eine Afrikareise, und Dr. Krugmann, Leiter der Auslandsabteilung, besuchte Ostasien. Beide Messe-Experten führten in den Städten der einzelnen Länder den repräsentativen Film der Hannover-Messe vor, sprachen über die weltweite Bedeutung der Deutschen Industrie-Messe, gaben draußen vielerlei Informationen über die Möglichkeiten des Ausbaues der gegenseitigen Handelsbeziehungen und kamen mit einem Sack voll Erfahrungen zurück.

Diesen Erfahrungen war das traditionelle "Messegespräch" gewidmet, das die Gesellschaft Anfang vergangener Woche mit ihrem journalistischen Freundeskreis in Hannover-Laatzen führte. Welche gewichtige Bedeutung diesen beiden Reisen zur Messewerbung in den entwicklungsfähigen Ländern zukommt, ist allein schon aus der Tatsache zu erkennen, daß die bundesdeutsche Ausfuhr in europäische Länder innerhalb der letzten fünf Jahre ihren Anteil am Gesamtexport von 76 auf 67 v. H. verringert hat, während in der gleichen Zeit unser Übersee-Export seinen Anteil von 24 auf 33 v. H. erhöhen konnte. Und hier lagen die stärksten Exportausweitungen bei Afrika (von 3,4 auf 5,7 v. H.) und bei Asien (von 5,4 auf 9,7 v. H.).

Um die Hannover-Messe immer stärker auch zu einem bedeutsamen Ost-West-Kontaktplatz werden zu lassen, soll am 2. und 3. Mai – also während der diesjährigen Deutschen Industrie-Ausstellung – in Laatzen ein "Ostasien-Wirtschaftstag" durchgeführt werden. Zu dieser Veranstaltung wird eine Wirtschaftsdelegation aus China neben Vertretungen weiterer zehn ostasiatischer Länder erwartet, wie Peking andererseits in Hannover zum erstenmal mit einem Informationsstand vertreten sein wird. Diese Zusagen sind zweifellos ein nicht zu unterschätzender Erfolg der Asienreise von Dr. Krugmann. Sie brachte allerdings noch die Erkenntnis, daß unsere bisherige Embargopolitik gegenüber China mehr und mehr sinnlos geworden ist und sich schon als eine reine Schädigung unseres Außenhandels auswirkt. Das Land ist auf dem besten Wege, sich zur stärksten Industriemacht Asiens zu entwickeln und durchaus bereit, auch mit der Bundesrepublik Handelsbeziehungen aufzunehmen, wenn – ja, wenn wir uns endlich entschließen könnten, die überholten Embargobestimmungen aufzuheben oder zumindest zu lockern. Noch halten wir, sie mit sturer deutscher Gründlichkeit ein, während andere westliche Länder längst gute Geschäfte abschließen. Wir dürfen uns keinesfalls etwa der Illusion hingeben, daß China seinen Industrieausbau ohne westdeutsche Erzeugnisse nicht durchführen kann; dafür sorgt schon die Konkurrenz, die nach den Erfahrungen von Dr. Krugmann "gut im Rennen" liegt. Und außerdem dürfte feststehen, daß die westliche Embargopolitik bisher nur einen "Erfolg" hatte, nämlich den, das Land immer stärker an den Warenaustausch mit dem Ostblock zu binden. Heute tätigt China rund 80 v. H. seines Außenhandelsumsatzes mit der Sowjetunion; und was es aus dem Angebot der westdeutschen, Industrie gern haben möchte, aber wegen der hinderlichen Embargobestimmungen nicht bekommt, bezieht es eben auf dem Umweg über die Schweiz oder etwa über Finnland. Diese verfahrene Situation will jetzt der rührige Ostausschuß der deutschen Wirtschaft endlich bereinigen: eine Delegation wird in Peking Besprechungen über die Ausweitung des gegenseitigen Warenaustausches aufnehmen.

Minister a. D. Kubel faßte das Ergebnis seiner Afrikaerfahrungen in der Feststellung zusammen, daß die Mutterländer meist nicht in der Lage sind, ihre afrikanischen Gebiete zügig auszubauen und darum die Bundesrepublik als Kapitalgeber und für die praktische Hilfeleistung im Vordergrund des Interesses steht. Offensichtlich haben zudem England und Frankreich nach ihrem Suez-Abenteuer viel an Gesicht verloren, während der Ostblock (vorläufig noch) nur geringe Chancen besitzt, mit den afrikanischen Staaten ins Geschäft zu kommen. Als entscheidende Faktoren für den Ausbau der bundesdeutschen Handelsbeziehungen mit diesem Raum bezeichnete Kubel die Notwendigkeit der Einhaltung von Lieferfristen, die mustergerechte Auslieferung der Ware, "Narrensicherheit" aller Erzeugnisse und leichtverständliche Bedienungsanweisungen in der Landessprache, die verstärkte Aufnahme von Studenten aus den entwicklungsfähigen Ländern (hierin sind die CSR und Mitteldeutschland vorbildlich!) und eine Verbesserung der Kreditgewährung. Wenn vor dem Wunsch nach einem stärkeren Kapitaleinsatz abgesehen wird, der ja schließlich nur bei bestimmten Voraussetzungen erfüllt werden kann, so sind die übrigen Feststellungen eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Daß sie es leider nicht immer sind, beweisen viele Erfahrungen, angefangen bei Fischkonserven, die jede deutsche Qualitätsleistung vermissen ließen, bis zu Schaltanlagen, deren Montageanleitungen höchstens für Absolventen einer Technischen Hochschule verständlich waren und infolge des Mangels an Diplomingenieuren in dem Käuferland die deutsche Herstellerfirma zwangen, schnell einen Flugschein zu lösen und einen "Eingeweihten" nach Afrika fliegen zu lassen, um nicht alle künftigen Exportgeschäfte nach diesem Raum sinnlos werden zu lassen...

War also die Kontaktreise der Messe-Experten aus Hannover nach Asien und Afrika neben der Werbung für die Deutsche Industrie-Messe vor allem eine wertvolle Demonstration für Deutschland, so wurde sie doch auch eine Fundgrube für eine Fülle praktischer Erfahrungen, der sich die deutsche Industrie, und nicht zuletzt unsere Außenhandelspolitik, jetzt bedienen kann.

Wenn nicht alles täuscht, wird die bevorstehende Hannover-Messe als Erfolg der intensiven Überseebemühungen bereits einen verstärkten Besucherstrom aus diesem Raum zu verzeichnen haben. Übrigens hat sich auch die Zahl der ausländischen Aussteller von 385 im Vorjahr nunmehr auf 418 erhöht. Selbst aus dem Ostblock ist eine leichte Zunahme festzustellen; Polen und Ungarn werden in Laatzen Baumaschinen zeigen. Und selbstverständlich wartet die Messe mit weiteren Verbesserungen auf: An der berühmten "Stahl-Straße siedeln sich nun auch die August-Thyssen-Hütte-AG und die Siegener AG an, die Büromaschinenindustrie erhielt endlich eine feste Halle, die Elektroindustrie einen weiteren Neubau, und das Mustermessehaus (Porzellan, Keramik, Uhren und Schmuck) wurde um 80 v. H. auf nunmehr 18 000 qm erweitert. So bleibt also nur zu hoffen, daß die vielfältigen Bemühungen der Messe um eine verstärkte Ausstrahlung nach Übersee, nach den entwicklungsfähigen Ländern und auch nach dem Ostblock sich in den Tagen vom 28. April bis zum 7. Mai ebenfalls in den Auftragsbüchern kräftig auswirken. Willy Wenzke