Dd, Wiesbaden

Übei belohnt wurde die Gastfreundschaft einer jungen Dame im schönen Rheingau, bei der sich am 15. Oktober 1956 zwei junge Männer ausder Winzergemeinde Johannisberg zu Kaffee und Kuchen einfanden. Hinterher fehlten achthundertMark, und die Bestohlene mußte sich jetzt außerdem vor dem Wiesbadener Schöffengericht einer peinlichen Zeugenvernehmung unterziehen, die ihr arg zusetzte: sie brach im Verhandlungssaal zusammen. Mit der Erzählung des 25 jährigen Romeo konnte das Schöffengericht zunächst recht wenig anfangen: er sei an jenem Oktobernachmittag mit seinem 28jährigen Freund Rinaldo zu Julia gegangen, man habe dort Kaffee getrunken und sich später wieder zurück nach Johannisberg begeben. Irgendwo dort auf dem Weg sei ihnen dann wieder Julia entgegengekommen und habe mit Entsetzen berichtet, daß ihr Kleiderschrank aufgebrochen sei und achthundert Mark fehlten. – Als sehr viel aufschlußreicher empfand das Gericht die Darstellung des 28jährigen Rinaldo. Romeo, so sagte er, habe es schon immer viel mehr auf Julias Geld abgesehen als auf ihr Herz. Er habe daher ihn, den Rinaldo, angestiftet, bei der Dame einzubrechen. Sollte er dazu nicht bereit sein, so werde Rinaldos Beteiligung an einer Straftat im Saargebiet verpfiffen, habe Romeo gedroht. Widerstrebend sei er, Rinaldo, dann zu Julia mitgegangen. Der falsche Romeo habe seiner Dame Tabletten in den Kaffee getan, durch die sie eingeschläfert worden sei. Ob infolge der Tabletten, ob hingerissen von Romeos Charme, gleichviel: Julia sei auf die Couch gesunken, und diesen Augenblick habe er selbst ausgenutzt, um einen Abstecher in ihr Schlafzimmer zu machen, die Rückwand des Kleiderschrankes aufzuschrauben und das Geld herauszuholen, das er dann noch am gleichen Abend am Rheinufer mit Romeo geteilt habe. Eine Kiste mit Porzellan, das er sich von dem erbeuteten Geld unter anderem gekauft habe, stehe in> der Gefängniskammer zu Julias Verfügung. Er bereue seine Tat.

Romeo bestritt dies alles aufs heftigste. Von Tabletten im Kaffee könne keine Rede sein, auch habe er nichts von dem Diebstahl gewußt und niemals am Rheinufer mit Rinaldo die Beute geteilt. Die Dame selbst sagte unter Eid, der Kaffee habe an jenem Nachmittag wie immer geschmeckt.

So blieb dem Gericht nichts anderes übrig, als Romeo mangels Beweises freizusprechen, während der häufiger vorbestrafte Rinaldo zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde...