Drei Grad Wärme werden in dem kleinen Mittelmeerort Ibiza auf der Nachbarinsel von Mallorca schon als "Hundekälte" empfunden Doch die Fischer tragen nichts Wärmeres als gestreifte Wollhemden, nicht mehr als im Sommer. Die Ausländer hocken öfter in den Bars herum, zumeist im "Domingo" auf der Vara de Rey. Dort wärmen die Espressomaschine, Zigaretten und intellektueller Gesprächsstoff und die billigen Kognaks. Neue Gesichter gibt es kaum, denn es kommen nur wenige Dampfer. Verschlafen und verloren leben wir auf der Insel in den Wintermonaten; der einzige, der sich im Freien zu schaffen macht, ist der Straßenreiniger, ein kleiner wunderlicher Mann, der nur mit seinem den Abfallkarren ziehenden Esel spricht, bestenfalls auf die Touristen schimpft, die sich um ihn drängen, um dieses schmutzige Männchen zu photographieren. Er genießt jetzt die Ruhe zusammen mit seinem Eselchen, das sommers immer zur Eile getrieben wird, um die Fremden zu fliehen. Auch die Pferde, die schwere Steine zur neuen Mole fahren, trotten jetzt nur müde dahin. Unsere Mole ist seit zwei Jahren im Bau und noch längst nicht fertig. Man hat damit Zeit.

Die vielen ausländischen Künstler lassen jetzt ihre Bärte wuchern wie verschollene Robinsone und klagen darüber, daß sie nicht arbeiten können. Im Sommer leiden sie unter der großen Hitze; dann müssen sie baden gehen und sich den vielen Touristen, die sich mit ihnen unterhalten wollen, widmen. Aber auch jetzt sitzen sie beschäftigungslos in den Bars herum mit der Entschuldigung, daß man in den ofenlosen, kalten Räumen unmöglich schreiben oder malen könne. Sie suchen jetzt nur Wärme an der Theke und warten auf die Sonne.

Auch die Gepäckträger warten – auf zufällige Kunden. Sie laufen noch zerfetzter umher, so, als sei ihr Beruf gar nicht so gut, wie es manchen dieser nichtstuenden Künstler erscheint. Dreizehn Gepäckträger gibt es hier im Ort. Nummer eins, ein Achtzigjähriger, will seinen Beruf immer noch nicht aufgeben. Seine großen Hände sehen aus wie gekrümmte Schaufeln, die Finger lassen sich nicht mehr strecken und gleichen rheumatischen Beulen. Man mag ihm kaum zumuten, noch einen Koffer zu tragen, aber er besteht darauf und ist beleidigt, wenn man es abwehrt und ihm mitleidig eine Peseta zuwirft. Denn man bettelt nicht auf unserer Insel, nicht etwa, weil es verboten ist, sondern weil die Menschen hier in großer Bedürfnislosigkeit leben.

Auch die Katzen gehören zu Ibiza. Keiner weiß, wovon und wie sie leben, aber sie sind überall, zwischen den alten Steinhäusern mit den wäschebehängten, morschen Balkonen, auf denen Blumentöpfe mit leuchtenden Blüten stehen. Spanische Lieder klingen aus einer angelehnten Tür – wehe, traurige oder heitere Totentanzmelodien. Schrille Radios verschütten amerikanische Songs, je lauter, um so schöner für Spanier.

Mehrere Male im Jahr werden die Wände der ärmlichen Häuser mit Kalk geweißt. Den Inselfrauen fällt meist diese schwere Tätigkeit zu, denn sie arbeiten ohnehin mehr als ihre Männer. Aber doch sind sie genauso eitel wie andere Frauen. Sie drehen sich vor den Festtagen mit Metallklammern Löckchen ins Haar. Viele sind der Tradition treu geblieben und tragen wie seit Jahrhunderten ihre Trachten und lange geflochtene Zöpfe mit bunten Schleifen, gleich Schulkindern. Eidechsenschillernde schöne Stoffe tragen sie und gleichen mit ihren großen, schwarzen Kopftüchern den Arab’erfrauen. An großen Feiertagen hängen sie alten goldenen Familienschmuck um und erstrahlen damit wie Madonnen in den Kirchen. Täglich gehen die Frauen hier, in die Kirche, denn das gehört zum Leben, wie Arbeiten, Essen und Schlafen. Das beschützt vor dem Inselteufel und Sünde. Aber nicht alle leben ein solches zeitloses, unberührtes Inseldasein. Natürlich sind die Jüngeren auf Ibiza und San Antonio-Abbad schön moderner in ihrer Lebensart und -auffassung. Sie kleiden sich, wie man es in Barcelona oder in Madrid sieht und tanzen modern. Sie haben den Fremden schon manches abgeschielt.

Und doch – Ibiza mit seinen kleinen Dörfern und einsamen Bauernhäusern, diese Landschaft tausendjähriger Olivenbäume und reicher geschichtlicher Vergangenheit wird bis zum nächsten Touristenüberfall sich selbst treu bleiben. E. E.