Für den Kulturskeptiker, dem es nicht einleuchten will, zu was es gut sein soll, wenn die Kunst auf dem Wege ist, sich in eine Geheimwissenschaft für exklusive ästhetische Zirkel zu verwandeln – und das in einem Zeitalter, das sich so gern für demokratisch hält –, ist es manchmal geradezu ein Trost, zu sehen, daß es noch solche Gestalten gibt, wie den erst kürzlich unter die Sechziger gegangenen Carl Zuckmayer. Einen Dichter nämlich, dessen Talent noch robust genug gewachsen ist, um keinen Geschmack an der literarischen Spekulation zu finden: einen Künstler, dem es durchaus nicht genierlich erscheint, mit seinem ehrlichen Handwerk auch von dem soliden Kleinbürger, mit der Eindeutigkeit seiner unbefangenen Weltsicht auch von dem gradlinigen „Primitiven“ aller Schichten verstanden zu werden. Es ist kein Zufall, daß allen seinen Theaterstücken das eine gemeinsam ist: sie gehen die „hochgestochene“ Literatur fast gar nichts an, den professionellen Problemjäger wenig, immer aber um so mehr den Kreis jener Menschengattung, um deren Dasein und Milieu es sich jeweils handelt. Auf dieser Fähigkeit, die Menschen in ihrer jeweiligen Sonderart so „richtig“ und „echt“ zu sehen, daß sie sich auf der Bühne wiedererkennen, beruht der Erfolg des Bühnenautors Zuckmayer in viel höherem Maße als auf seinem dramaturgisch-technischen Können, so respektabel auch dieses bisweilen – nicht immer – erscheinen mag.

Um dieser Echtheit und Richtigkeit willen kann auch ein Stück wie die nunmehr neunundzwanzigjährige „Katharina Knie“ sich immer noch und immer wieder behaupten. Ein Stück, das man, wenn man will, damit abtun kann, daß man es als „Rührstück“ tituliert – was ja (unter Auguren) einem vernichtenden Schimpf gleichkommt. Es ist auch ein Rührstück; aber wieso liegt denn in dieser Feststellung ein Argument gegen die Kunst? Wir kennen sehr erlauchte „Rührstücke“, von Emilia Galotti oder der Luise Millerin angefangen bis – na, was bleibt schließlich zumeist von Brecht übrig, wenn man die politische Tendenz abkratzt?

Nur auf die Wahrheit des Menschenbildes kommt es an. Und da ist gerade in diesem Zirkusdrama, diesem gemütlich-traurig-lächelnden Bühnenroman nun das ehrenfeste, goldene Artistenherz so stark, daß es selbst die Umarbeitung in ein „Musical“ verträgt. Das bedeutet schon eine harte Probe aufs Exempel; denn natürlich: das sentimentale Element wird durch die musikalische Lyrik (und die solcher Sangesseligkeit bekömmlichen Liedertexte) noch besonders unterstrichen. Zumal in vorliegendem Falle, wo auf der anderen Seite manche Gelegenheit versäumt wurde, das zweite Erfordernis eines „Musical“, nämlich eine entsprechende Bereicherung der optischen Effekte, zu realisieren; obwohl das doch gerade hier, schon von der Zirkusstaffage her, ein leichtes hätte sein sollen. Das dadurch entstandene Übergewicht der Musik zwar nicht über die Handlung, aber doch über den revuehaften, den Show-Anteil, bewirkte hier eine Verschiebung des beabsichtigten „Musical“-Charakters auf die gute alte Form des deutschen Singspiels.

Auch dieser Sachverhalt erfährt wiederum eine Verstärkung durch den Vorrang des gefühlsbetonten Couplets vor der herzhaften Banalität rhythmusklirrender Zirkusmusik, die nur in der Ouvertüre und in dem – auch szenisch – schwungvoll rotierenden ersten Finale zur Entfaltung kommt. Pauschal darf indessen gesagt werden, daß der Verfasser der Gesangstexte, Robert Gilbert, als alter Praktiker die gegebenen Maße mit Anstand einhielt, der Komponist Mischa Spoliansky, ebenfalls bewährt, sogar einige wirkliche Treffer servierte, worunter das makabre Quartett der heimgekehrten Begräbnisgäste hervorgehoben zu werden verdient.

Und dann gab es in dieser Premiere des Gärtnerplatz-Hauses der Bayerischen Staatstheater noch ein Sensationellen: Hans Albers als Vater Knie. Auch wer ihm vielleicht mit geteilten Erwartungen entgegensah, auch wer ihn in den ersten Szenen in etwas verlegener Konvention eigener Filmprägung gefangen fand, mußte sich besiegt geben, als bei der vermeintlichen Rückkehr der „berufsentfremdeten“ Tochter in einer Mischung aus neuem Aufschwung der Lebensgeister, letztem Ausbruch artistischer Leistungsfreude, physischer Erschöpfung und väterlicher Versöhntheit ein erschütterndes Greisenporträt erstand, dessen Kontrast zur Wirklichkeit der dramatischen Situation ihm so etwas wie den Schauer eines Schon-gestorben-seins vor dem dann unmerklichen Tode verlieh.

Die von Erich-Fritz Brücklmeier mit schöner Sachlichkeit – ohne „Klamotte“ – inszenierte Aufführung, die keine Nieten aufwies und in den Hauptrollen (Sonja Schauer als Katharina, Hendikus Rootering als Rothacker) angemessen besetzt war, erweckte stürmische Begeisterung. Ein entschiedenes Votum für den Dichter Zuckmayer und sein unverwüstliches Werk. A – th