Haifa ist das eigentliche Zentrum des Zionismus. Bereits vor dem ersten Weltkrieg wurde hier die erste technische Universität gegründet, das Technion. Von hier aus breitete sich Neu-Hebräisch über ganz Palästina aus. Die Bucht von Haifa und der Karmelberg waren der erste Blick der jüdischen Einwanderer ins Heilige Land nach zweitausendjähriger Diaspora. Hier in Haifa fanden im jüdisch-arabischen Krieg die Entscheidungskämpfe statt, aus der Israel, als Staat hervorging. Haifa ist das Herz Israels, und hier begreift man den ganzen Schaffensdrang und Aufbauwillen dieses Volkes. Unter türkischer Herrschaft ein schläfriger und versandeter Hafen, wuchs Haifa unter britischem Mandat durch den Unternehmungsgeist der zionistischen Einwanderer. Aber auch die deutsche Kolonie der Templer trug wesentlich dazu bei. Während der Mandatszeit wurde auch die Öl-Rohrleitung zu den irakischen Ölfeldern gelegt, und im Hafen von Haifa floß das Öl direkt in die Tankschiffe. Heute ist die Leitung durch die Araber unterbrochen, und die Tanker fahren den Umweg über das Kap der Guten Hoffnung zum Persischen Golf. Dafür liegen im Hafen die israelischen Frachter und einer der Passagierdampfer der Israelischen Linie, die S. S. Hadar. Haifa sieht aus wie eine moderne deutsche Stadt unter subtropischer Sonne. Terrassenförmig zieht sich die Stadt um den unteren Karmelberg mit Parkanlagen an jeder Straßenkehre. Konditoreien mit Schlagsahne und Tortengebirgen erinnern noch stärker an Deutschland, und die deutschen Zeitungen und Journale in den Kiosken lassen ein stark deutsch-jüdisches Element vermuten.

Von der Israeli-Seite bietet Jerusalem ein ganz anderes Bild als die von den Jordan-Arabern besetzte Altstadt. Dort drängt sich auf eine Quadratmeile alles zusammen, was den drei großen Religionen heilig ist. Die Moschee von Omar, deren Boden der rohe Felsen bildet, wo Jakob seinen Sohn Isaak opfern sollte und von dem Mohammed gen Himmel fuhr. Die Klagemauer, das einzige, was von dem Tempel Salomons in unsere Zeit ragt, und die zerbröckelnde Kirche, die von den Kreuzrittern über Christi Grab errichtet wurde. Aber das andere Jerusalem, die Neustadt, breitet sich über elf Quadratmeilen aus und hat eine Bevölkerung von 200 000. Die Stadt ist umsäumt mit Gartenvororten, und breite Boulevards führen in die Stadtmitte. Wenn Haifa das Herz Israels ist, so ist Jerusalem mit seiner Universität, wissenschaftlichen Instituten, Kunstsammlungen, Theater und Konzertsälen das geistige Zentrum. Seit dreißig Jahrhunderten ist das Judentum verwachsen mit dieser Stadt, und derselbe Impuls, der das neue Israel erstehen ließ, konzentriert die geistige und intellektuelle Entwicklung dieses Volkes in Jerusalem. Obwohl Tel Aviv immer noch die administrative Hauptstadt ist, verschiebt sich der Schwerpunkt der Regierung immer mehr nach Jerusalem. Das Parlament, der Knesset, tagte schon immer in Jerusalem und immer mehr Regierungsstellen verlegen sich in das geistige günstigere Klima. Große Prachtstraßen durchziehen die Stadt, und wenn man die Ben-Yehuda-Straße entlang geht mit ihren eleganten Geschäften, Restaurants und Cafés, ist es schwer, sich vorzustellen, daß diese Stadt in der Levante liegt. Noch schwerer ist es, sich vorzustellen, daß es vom Café Wien nur ein Steinwurf zur alten Stadt ist mit ihren verworrenen Gäßchen, den uralten Klöstern und dem Basar, wo seit undenklichen Zeiten gefeilscht wird und Christus die Geldwechsler aus dem Tempel jagte. Im Café Wien sitzen, wie einst in Europa, die Zeitungsleser und Kartenspieler. Auch hier wird kritisiert und die Welt verbessert. Aber draußen in der grellen Sonne gehen die Sabras zielbewußt den akademischen und technischen Instituten zu. Selbstsicher und wohl wissend, daß in diesem Lande die geistige Entwicklung mit der Hände Arbeit gepaart ist. Denn der Negev und die Hulehsümpfe warten auf sie.