R. St., Bonn, im Januar

Während die öffentliche Diskussion über den Schutz der Zivilbevölkerung in einem Atomkrieg im allgemeinen noch von den Vorstellungen und Erfahrungen des zweiten Weltkrieges ausgeht, beweisen uns die Fachleute, daß angesichts der zerstörenden Kraft der Kernwaffen ein ausreichender Schutz der Bevölkerung mit den bisherigen Methoden nicht mehr gewährleistet werden kann. Dem totalen Angriff muß die totale Verteidigung entgegengestellt werden, erklärt der frühere Präsident der Bundesanstalt für zivilen Luftschutz, Erich Hampe, ehemals General der technischen Truppen im OKH (Oberkommando des Heeres) in einer Broschüre über die "Strategie der zivilen Verteidigung".

Hampe kommt zu ganz ähnlichen Schlüssen wie der englische Militärschriftsteller Liddell Hart, der davor warnt, das Problem der Erhaltung der Nation in einem Atomkrieg allzu leicht zu nehmen. "Die Aussichten wären", schreibt Liddell Hart, "weniger hoffnungslos, wenn die notwendigen Maßnahmen ergriffen würden."

Was versteht Liddell Hart, was versteht Erich Hampe unter "notwendigen Maßnahmen"? Einmal Pläne für eine weitverzweigte Dezentralisierung von Industrie und Bevölkerung. Wichtige Industrien und Versorgungsbetriebe müßten unter der Erde liegen. Auch die Arbeiter müßten gesunde unterirdische Wohnmöglichkeiten haben. Liddell Hart schlägt vor, "unter den großen Städten von den Untergrundbahnen strahlenförmig Städte mit automatischen Klimaanlagen" ausgehen zu lassen, die "wie Honigwaben zusammenhängen". Die Untergrundbahnen könnten sie untereinander verbinden. Für die zu erwartende Evakuierung größer Bevölkerungsteile müßten unter anderem leicht transportable, wasserdichte Zelte bereit sein, wie sie die Bergsteiger benutzen.

Hampe verlangt Vorkehrungen zur Lenkung der im Kriegsfall zu erwartenden Flüchtlingsströme. Dazu gehöre unter anderem die Erkundung, welche Straßen den Flüchtlingen und welche den Truppen zur Verfügung stehen sollen. Die Evakuierung solle "eine planmäßig gesteuerte Verlegung bestimmter Bevölkerungsteile aus besonders gefährdeten Gebieten in vorbereitete Schutzzonen darstellen". Dieses Problem könne von der Bundesrepublik allein nicht gelöst werden. Es müsse als ein "Gesamtproblem der westlichen Verbündeten behandelt werden".

Bei der städtebaulichen Planung sollte schon jetzt eine möglichst weite Aufgliederung des Stadtbildes in Teilsiedlungen erwogen werden. Der Neuerrichtung von Betrieben sollte eine sehr sorgfältige Geländeerkundung aus der Luft vorausgehen und erst danach der Standort bestimmt werden. Bei Neubauten müsse ein Schutzraum eingeplant werden, der nicht leer zu stehen brauche, sondern auch anderweitig benutzt werden könne. Als eine von vielen Behelfsschutzmaßnahmen schlägt Hampe vor, ganze Straßenzüge mit übermannshohen Betonröhren zu unterkellern, die von den Häuserblöcken her unterirdische Zugänge erhalten sollen. Auch die unterirdischen Streckenführungen, die heute schon zur Behebung der Verkehrsschwierigkeiten geplant oder bereits in Angriff genommen sind, könnten als Schutzräume gute Dienste leisten.

Zu den Problemen, die schon in Friedenszeiten zu lösen wären, gehört nach Hampe auch eine Bevorratung, bei der zu bedenken sei, daß "infolge der Auswirkung der neuen Waffen auf Häfen, Umschlagplätze und Verkehrsknotenpunkte" die Zufuhr von Lebensmitteln von außen zeitweise unterbrochen sein könne. Die Vorräte müßten so sachkundig gelagert werden, daß sie nicht durch radioaktive Verunreinigung ungenießbar werden. Die Vereinigten Staaten haben für solche Zwecke Vorratsbestände von mehr als elf Milliarden Dollar angelegt.