A. M., Paris

Jede französische Regierung, die ihre Fortschrittlichkeit demonstrieren möchte, hat in ihren Reihen einen Neger aufzuweisen. Da bei der Regierung Mollet der Fortschritt galoppierende Formen angenommen hat, finden wir in ihr gleich zwei Neger, einen Minister und einen Unterstaatssekretär. Der Minister heißt Felix Houphouet-Boigny und ist der Ministerpräsidentschaft zugeteilt. Als Überseeminister Defferre nach New York fuhr, um dort vor der UNO die Umwandlung des französischen Mandatsteiles von Togo in eine "Autonome Republik" (im Rahmen der "Französischen Union") zu verteidigen, nahm er sich boshafterweise Kollegen Houphouët mit. So war er gegen alle antikolonialistischen Predigten von amerikanischer Seite gesichert; er brauchte einfach auf seinen Begleiter zu weisen und die Amerikaner zu fragen: "Habt Ihr auch einen Neger in der Regierung?"

Auch auf Houphouet-Boigny selbst wirkte die Reise Wunder. Sollte in einer verborgenen Ecke seiner Seele die Verlockung geschlummert haben, einmal Washington gegen Paris auszuspielen, so ist ihm das radikal ausgetrieben worden. Wenn wir dem Mollet nahestehenden Wochenblatt Demain glauben dürfen, konnte Houphouët wegen seiner Hautfarbe in New York nicht im gleichen Hotel wie die restliche französische Delegation absteigen, sondern mußte im Negerviertel Haarlem übernachten. Bei seiner Rückkehr nach Paris soll der Negerminister nach der gleichen Quelle melancholisch festgestellt haben: "Auf die fall’ ich nicht mehr rein! Diese Amerikaner – das sind ja im Grund die schlimmsten Kolonialisten."