Vor gut zwölf Monaten – genau: am 15. Januar 1956 – wurde in Moskau aus der Verkündung des 6. Fünfjahresplanes der UdSSR ein welthistorisches Ereignis gemacht, und der dann folgende XX. Parteikongreß erzeugte noch mehr "patriotischen Jubel" und Propagandagetöse unter dem Motto, daß mit der Verwirklichung dieses Planes die UdSSR den "kapitalistischen Westen" hinsichtlich der industriellen Produktion nicht nur erreicht, sondern glatt überrundet haben wird. Nun, der Westen hörte, staunte, rechnete und zeigte hier und da recht deutlich wahrnehmbare Sorgenfalten, während der Kreml den totalen Optimismus dekretierte, sozusagen als obligate Maxime im gesamten Wirtschaftswesen.

Tatsächlich zeichnete sich im Sommer ein Erfolg in einem Wirtschaftszweig ab, in dem ein Fiasko zu einer Katastrophe hätte werden können: Die Getreideernte war überraschend groß, und zwar vor allem in den Landgebieten Westsibiriens und Kasachstans, wo im Rahmen der vielgenannten "Chruschtschow-Aktion" mehr als 33 Mill. Hektar urbar gemacht worden sind, von Jugendlichen hauptsächlich, die in "patriotischer Initiative" die ansässigen und umgesiedelten Bauern zu unterstützen hatten. Je eine Milliarde Pud Getreide soll in Sibirien und Kasachstan geschnitten worden sein, wobei ein kurzerwähnter Umstand auffiel: Rund 55 v. H. davon wurden in den neuen "Sowchosen" (Staatsgüter, sprich: Kornfabriken) geerntet und nur 45 v. H. in den Kolchosen, die als Brutstätten des passiven Widerstandes allmählich verschwinden sollen. Ungezählte Millionen Pud liegen allerdings heute noch auf den Feldern, Hunderte von Kilometern von den nächsten Bahnstationen entfernt. Man hatte wohl – laut Partei rapporten – täglich an die 1000 Lastwagen hinausgeschickt, doch die meisten waren leer zurückgekehrt, weil’s nun plötzlich keine Bauern zum Verladen mehr gab. Hierzu muß vermerkt werden, daß im Herbst, während der Ernte, mehr als 1,8 Millionen Städter aller Berufe "zum Einsatz" gebracht worden waren.

Das Brotproblem ist jedenfalls in diesem Jahr, wenn auch in sowjetischer Manier, gelöst worden. Ungleich böser und bedrohlicher sah es aber in der Vieh Wirtschaft aus: der überstrapazierte Industriearbeiter verlangt laut und ständig Fett, Fleisch und Milchprodukte. Leider, aber ist der Viehbestand bisher – d. h. seit mindestens sechs Jahren – Jahr für Jahr zurückgegangen, und zwar so gut wie ausschließlich deswegen, weil sich hier die passive Resistenz entscheidend auswirken konnte. Der Bauer dachte nicht daran, die notwendigen Viehfuttermengen für den Winter einzubringen, so daß Hunderttausende oder noch mehr Stück Großvieh verhungert sind. Trotzdem aber brach die gesamte sowjetische Publizistik am 22. November in Jubel aus: Die Republiken Ukraine und Weißrußland – weitere würden folgen – hätten das letztjährige Produktionsplansoll "vorfristig" in der Gemeinschafts-Viehwirtschaft nicht nur erfüllt, sondern sogar weit "übererfüllt", die Großviehbestände wären "überzeugend" gewachsen usw. usw. Das roch nach einem Wunder, ging aber doch mit rechten Dingen zu. Malenkows Liberalisierungslinie hatte u. a. ein rapides Anwachsen des Hofviehes der Kolchosbauern – also des Privatbesitzes an Rindern, Schafen und Schweinen – zur Folge gehabt. Und nun geschah folgendes: Schon im Frühjahr gab es einige (ziemlich blasse) Richtlinien über vorzunehmende Reduzierungen des privaten Viehbestandes zugunsten des Allgemeinbesitzes. Dann aber – am 29. Juni – erschien ein Ukas, mit dem – praktisch gesehen – das gesamte Privatvieh in die Gemeinschaftsherden, also in Staatsbesitz, übereignet werden mußte. Denn der Erlaß enthielt ein Verfütterungsverbot landwirtschaftlicher Produkte, ferner einen Steuererlaß für Privatvieh und schließlich die Verkündung einesAblieferungssolls – beide in unerreichbarer Höhe.

Soweit die Situation in der Landwirtschaft, in der ganz offensichtlich der wachsende – aber keineswegs organisierte – Widerstand eine entscheidende Rolle spielt. Passiven Widerstand gibt es heute fraglos in allen sowjetischen Wirtschaftszweigen, vor allem natürlich in der Industrie. Allein in der Kohlenindustrie haben sich die Verhältnisse seit Mitte vergangenen Jahres so verschlechtert (Langsam- und Schlechtarbeit, Abwanderung der Kumpels), daß bisher allein in die Schachte des Donbeckens mehr als 100 000 ukrainische Komsomolzen und sonstige Jugendliche "in freiwilliger Initiative" abkommandiert werden mußten. Außerdem meldete die "Komsomolskaja Prawda", führendes Blatt der Jugendorganisation, daß eine weitere Armee Jugendlicher sich feierlich verpflichtet habe, bis November 1957 mindestens 35 neue Schächte zu erbauen.

Kein Industriezweig aber wird in der UdSSR dermaßen "eingenebelt" und mittels der sehr emsigen "Desinformationsabteilung" getarnt, wie die Erdölförderung. Und doch haben "Nebel" und "Desinformation" die Nachricht nicht verhindern können, daß mindestens 200 seit geraumer Zeit stilliegende Bohrtürme der Naphtharepublik Aserbeidschan von Komsomolzen in Betrieb gekommen wurden. Hier darf angeschlossen werden: Mit einer Hingabe und Intensität, wie sie in keinem anderen Wirtschaftszweig beobachtet werden können, wird im Befehlsbereich Malenkows gearbeitet, also beim Bau von einer großen Zahl leistungsfähiger Kraftwerke, hauptsächlich Wasserkraftwerke.

Der Kreml hat um die Mitte des vergangenen Jahres die Mobilisierung des "Komsomol" mit seinen rund 18,5 Millionen jugendlichen Mitgliedern verfügt, und es läßt sich errechnen, daß seither mindestens 4,5 Millionen erfaßt und in den Wirtschaftsprozeß eingebaut worden sind und weitere Millionen folgen werden. Ein beispielloser Vorgang! der irgendwelche Prognosen ausschaltet...

Nun hat in Moskau in den Tagen vom 20. bis 24. Dezember das Plenum des Zentralkomitees der Partei, unter höchst geheimnisvollen Umständen, getagt, natürlich hinter hermetisch geschlossenen Türen. Dann setzte der obligate Propagandalärm um so stärker und vor allem wortreicher ein: die erwiesene Überlegenheit des sowjetischen Systems über das kapitalistische Wirtschaftssystem (heute produziere man in den USA nur l,8mal so viel Stahl und 2,5mal so viel Erdöl wie 1929, in der Sowjetunion dagegen das Sechs- bzw. Zehnfache), die überragenden Führerqualitäten und die enormen Rohstoffschätze wurden gefeiert. Versichert wurde, daß vom Plenum ausschließlich Wirtschaftsfragen erörtert wurden. Es forderte, die Wünsche der staatlichen Planung hinsichtlich der Produktion mit allen Mitteln, unter allen Umständen und mit größter Beschleunigung zu erfüllen. Es gab also keine Neuerungen und keine prinzipiellen Umstellungen, wohl aber eine weitere Intensivierung der Kontrollen auf allen Arbeitsplätzen. Nach der Mobilisierung des "Komsomol" ist nun auch die Gewerkschaft aufgerufen worden: sie soll Aufsichtsorgane stellen. Und nun läßt sich’s leicht errechnen, daß – papiermäßig gesehen – hinter jedem irgendwie und irgendwas erzeugenden Sowjetbürger etwa anderthalb Aufseher stehen. Oder vielmehr sitzen, wenn sie überhaupt erschienen sind ... Felix Dassel.