Die Erschließung neuer großer Erzvorkommen im östlichen Niedersachsen nimmt konkrete Formen an. Die ersten Hinweise auf diese neu entdeckten Vorkommen im Raum Peine–Gifhorn–Salzgitter hatte Dr. Ende, Vorsitzender des Vorstandes der "AG für Berg- und Hüttenbetriebe", im Sommer vergangenen Jahres gegeben. Dr. Ende sprach von "völlig neuen Möglichkeiten für die Erzversorgung der deutschen Hüttenwerke". Daß es sich bei diesen überraschenden Ankündigungen nicht um einen zweckbedingten Optimismus handelte, zeigte sich jetzt bei einem ersten Besuch des Investitionsausschusses der Gemeinsamen Versammlung der Europäischen-Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Der Ausschuß besuchte für drei Tage die Ilseder Hütte, die früheren Reichswerke in Salzgitter und die Braunschweigischen Braunkohlenbergwerke AG Helmstedt.

Die Gewerkschaft Konrad ist 1954 gegründet worden, um die neuen Lagerstätten zu erschließen. Die Anteile dieser jungen Gesellschaft befinden sich zu je 50 v. H. im Eigentum der AG für Berg- und Hüttenbetriebe und der Ilseder Hütte. Der Einfluß der Gewerkschaft Konrad erstreckt sich auf dengesamten Südtelldes neuen Vorkommens. Das Gebiet nördlich der Eisenbahnstrecke Oebisfelde–Lehrte übernahm dagegen die Gewerkschaft Anna (in der Gewerkschaft Anna haben sich die im Besitz der Ruhrhütten befindliche "Barbara Erzbergbau AG" und "Harz-Lahn-Erzbergbau AG" zusammengefunden).

Bei den Erschließungsplänen ging die Ilseder Hütte davon aus, daß ihre bekannten Erzvorräte nur noch für wenige Jahrzehnte ausreichen. Die AG für Berg- und Hüttenbetriebe sah sich vor einem ähnlichen Problem. Salzgitter-Erz ist praktisch auf Jahrzehnte hinaus ausverkauft. Dabei ist der weitere Ausbau der Hüttenwerke Salzgitter zu erwarten. Die Ruhrhütten sind dabei, in Watenstedt-Salzgitter wieder eine Krupp-Rennanlage zu erbauen, für deren Belieferung sie langfristige Verträge mit der AG für Berg- und Hüttenbetriebe abgeschlossen haben. Die Zusammenschlüsse der an den neuen Vorkommen interessierten Erzbergbaugesellschatten sollen ein unsinniges Wettbohren der einzelnen Gesellschaften vermeiden. Dem gleichen Ziel dient sicher auch die Abgrenzung der Interessengebiete zwischen der Gewerkschaft Konrad und der Gewerkschaft Anna.

Sowohl diese verwaltungsmäßigen Vorbereitungen als auch die technischen Vorarbeiten haben mehr Zeit beansprucht, als gemeinhin angenommen wird. Denn erste Kenntnis von der Erzhöffigkeit des Gifhorner Raumes erhielt man schon in den Jahren 1933 bis 1937. Bis 1943 wurden hier insgesamt 36 kombinierte Erdöl-Eisenerz-Aufschlußbohrungengestoßen, von denen 30 Eisenerzfunde brachten. Anschließend ging mandaran, Tiefbohrungen durchzuführen, um genauere Kenntnis zu erhalten. Dabei wurde festgestellt, daß in Teufenbereichen bis 900 m keine reicheren Erzpartien anstehen. Je weiter die Bohrungen jedoch zum Muldentiefsten angesetzt wurden, desto besser waren die Ergebnisse. Das Erzvorkommen ist in diesen Gebieten in ein oberes Lager und in ein unteres Lager geteilt. Während das obere Lager durchweg Kalküberschuß bei Analysen um 25 v. H. Fe zeigt, ist das untere Lager neutral bis schwach sauer und führt in Teufenlagen zwischen 900 und 1250 m durchweg mehr als 10 m Erz mit Gehalten von 30 v. H. Fe. Die Eigenschaften dieser Erze scheinen also besserzusein als die gegenwärtig abgebauten sauren Salzgitter-Erze. Eine Bohrung im Raum von Vechelde traf das Erzlager unmittelbar neben der Salzachse in 12 m Mächtigkeit mit Durchschnitts-Fe-Gehalton von 34 v. H. und Spitzengehalten bis 44 v. H. an.

Der Nachteil der neuen Lagerstätte liegt in ihrer großen Tiefe. Man mußte also auch die bergwirtschaftliche Seite des Vorkommens untersuchen und kam zu dem Schluß, daß die Erze trotz großer Teufenlage wahrscheinlich wesentlich teurer als unsere heutigen Erze sein werden. Allerdings lassen sich Fragen wie die nach dem günstigsten Gewinnungsverfahren und nach der Aufbereitung erst endgültig in Großversuchen klären, Zu diesem Zweck will die Gewerkschaft Konrad nochin diesem Jahr mit den Abteufarbeiten des ersten Versuchsschachts beginnen. Insgesamt glaubt die Gewerkschaft Konrad allein in der östlichen Mulde des neuen Gebiets gleichzeitig mehr als zehn Schachtanlagen mit je 5000 Tagestonnen (zusammen etwa 15 Mill. Jahrestonnen) einrichten zu können. Im nördlichen Teil der Lagerstätte, also im Interessengebiet der Gewerkschaft Anna, wäre nach vorsichtiger Schätzung die Einrichtung von weiteren fünf bis sechs Schachtanlagen möglich. Die von der Gewerkschaft Konrad geschätzte mögliche Jahresförderung von fünfzehn Mill. t würde mehr als doppelt so grof sein wie die gegenwärtige Erzförderung des Salzgitter-Konzerns.

Was jetzt zu lösen ist, liegt vornehmlich in Händen der Finanzleute. Die Einrichtung der zehn Schachtanlagen bei der Gewerkschaft Konrad verlangt nach Angaben von Hüttendirektor Kreutzer (Gewerkschaft Konrad) eine Investition von 600 bis 800 Mill. DM. Bei solchen Summen ist es schon wichtig, daß der Investitionsausschuß der Gemeinsamen Versammlung bei seiner Reise den Eindruck gewonnen hat, dieses Erschließungsprojekt sei förderungswürdig. Aber auch wenn es zu einer Investitionsbeihilfe oder zu einer Bürgschaft durch die Hohe Behörde kommen sollte, werden noch einige Jahre vergehen, bis die Ausbeutung der neuen Lagerstätte auf vollen Touren läuft. Man rechnet, daß allein der Ausbau des ersten Versuchsschachts etwa drei Jahre dauern wird.

Ob auch die Erschließung der erst jüngst entdeckten Vorkommen im Raum südwestlich von Wilhelmshaven bald konkrete Formen annehmen wird, läßt sich noch nicht sagen, Das niedersächsische Wirtschaftsministerium bestätigte lediglich, daß in diesem Raum jetzt die vierte Aufschlußbohrung niedergebracht wird. Man ist dort in Teufen unterhalb 1700 m auf Erzvorkommen gestoßen, die ein Erz von solcher Qualität vermuten lassen, wie es bisher in Niedersachsen noch nicht gefördert worden ist. Der Nachteil liegt Jedoch in der noch größeren Teufe als im Raum von Gifhorn. Sollte das gesamte Vorkommen in Teufen unterhalb 1700 m liegen, müßten vor allem die Techniker noch das Problem lösen, Erz aus solcher Tiefe wirtschaftlich zu fördern Vorerst scheint man dabei zu sein, erst einmal die Ausdehnung dieser neuentdeckten Lagerstätte recht gründlich zu erkunden. d.