Wann der Tag X kommt, an dem die Atomenergie preisgleich mit dem Steinkohlenstrom sein wird, ist noch nicht zu übersehen. Wenn auch zur Zeit die technische Entwicklung der physikalischen Erkenntnisse noch in den Kinderschuhen steckt, so sind doch vom Tage X an größte Auswirkungen zu erwarten. Dies erklärte auf einer Bilanzbesprechung der Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG, Essen, Vorstandsmitglied Heinrich Schöller. Es gelte, die Atempause zu nutzen und in der Zwischenzeit die vorhandenen Energien so sparsam und so ergiebig wie möglich zu nutzen. RWE sei frühzeitig in die Atomenergie eingestiegen und habe bisher in der Bundesrepublik das meiste auf diesem Gebiet getan, fügte er hinzu. "Wir haben unser Wissen nicht aus Artikeln ausgeschnitten oder auf Cocktailpartys im In- und Ausland gewonnen, sondern aus unserer täglichen Arbeit an diesem Problem." Jedenfalls "liegt in meiner Schublade die Bestellung eines Atomkraftwerks in den USA unterschriftsbereit für den Augenblick, an dem Euratom die Realisierung ermöglicht", fügte er hinzu.

Auch der RWE-Konzern sieht mit Sorge die vermutlich immer stärker werdende Energielücke. Die zu erwartenden Zuwachsraten des Energiebedarfs seien aber nicht zu decken, da weder die Elektro- noch Zulieferindustrie noch der Kapitalmarkt zur Zeit die notwendigen Kapazitäten für einen der Bedarfskurve entsprechenden Energieausbau hätten. In der Industrie und in der übrigen. Verbraucherschaft setzte sich aber das Bestreben nach Rationalisierung und Automatisierung, ferner nach Arbeitszeitverkürzung weiter durch, so daß auch in Zukunft so außergewöhnliche Absatzsteigerungen wie in der Vergangenheit zu erwarten seien. Wie diese Schere zu schließen sei, wäre noch nicht zu übersehen.

Noch in diesem Sommer werde RWE ein neues großes Investitionsprogramm im einzelnen festlegen und beschließen, um einigermaßen mit der Bedarfsentwicklung Schritt zu halten. Es sei beabsichtigt, weitere vier Mill. Kilowatt zu installieren und dies bis 1965 zu schaffen. Die derzeitige Investitionssumme von jährlich rund 400 Mill. DM wäre vermutlich beizubehalten. Etwa 250 Mill. DM könnten aus Abschreibungen finanziert werden. Darüber hinaus müßte ein Teil aus notfalls versteuerten Erträgen genommen werden. Die Bilanz zeige noch einen Fremdtitel-Spielraum für die nächsten fünf Jahre von etwa 300 Mill. DM. In der zweiten Hälfte 1957 dürfte eine Obligationsanleihe aufgelegt werden. An eine Kapitalerhöhung sei aber weder jetzt noch in den nächsten Jahren gedacht.

RWE hat 1955/56 eine Steigerung der nutzbaren Stromabgabe von 21,3 v. H. auf 21,15 Mrd. kWh gebracht. Der Gesamtumsatz ist um 18,4 v. H. auf rund 1,2 Mrd. DM gestiegen. Dabei ist der Rohertrag je kWh weniger zurückgegangen als der Durchschnittsumsatz je kWh: eine Folge der besseren Ausnutzung der Kraftwerke. Das RWE verfüge über eine recht gute Belastungskurve. Das Verhältnis zwischen der geringsten Inanspruchnahme des Netzes und der Spitzenleistung liege bei 1 : 1,6, während städtische Unternehmen oft ein Verhältnis 1:4 anzuweisen hätten. Das Unternehmen hat gut verdient und es wäre töricht, dies bestreiten zu wollen, kommentierte der Vorsitzer des Vorstandes, Fritz Riddertusch. Deswegen könnte man auch die Dividende von 9 auf 10 v. H. für das AK von 428 Mill. DM erhöhen. Da auch das laufende Jahr wieder befriedigend sei und einen Mengenzugang von 10 bis 12 v. H. aufweise, werde für 1956/57 wohl ebenfalls wieder mit 10 v. H. Dividende zu rechnen sein. rlt.