J. B., Wien, Anfang Februar

Österreich, das kleine Land mit seiner großen Industrie, ist so gut wie ausschließlich auf ausländische Steinkohle angewiesen. Das schien ökonomisch wenigstens erträglich, solange diese Kohle vorwiegend aus dem benachbarten Deutschland kam. Jetzt ist es aber so, daß die Lieferungen aus den Vereinigten Staaten doppelt so hoch sind wie die Bezüge aus der Bundesrepublik.

In den ersten zehn Monaten 1956 kamen von einer monatlichen Einfuhr von insgesamt 365 000 t Steinkohle nur noch 78 000 t aus der Bundesrepublik (gegenüber 90 000 und 160 000 t in jedem Monat der beiden Vorjahre), während die amerikanischen Lieferungen auf 160 000 (nach 110 000 und 40 000 t) gestiegen sind. Bedeutsam und stabil waren bisher auch die Importe aus Polen mit zuletzt 90 000 t im Monat; sie werden aber sinken, da Polen jetzt keine Zusatzkontingente gibt – und auch diesen Ausfall will Wien durch Bezüge aus den USA ersetzen. Das aber ist eine kostspielige Angelegenheit, seit die Frachten steigen und schon jetzt die Transportkosten doppelt so hoch sind wie der Preis für die Kohle ab amerikanischer Grube. Die sonstigen Bezüge Österreichs sind klein: etwa 15 000 t kommen aus dem Saargebiet und 12 000 t aus der Tschechoslowakei. So ist es gerade die Sicherung der Kohlenversorgung, die immer mehr zum gewichtigen Argument für einen Beitritt Österreichs zur Montan-Union wird, und auch die Sozialisten sind nicht mehr so dagegen wie früher ...

Die österreichische Steinkohlenförderung (auf Grünbach in Niederösterreich beschränkt) beträgt nur 14 000 t im Monat. Bedeutsam sind allerdings die Braunkohlenvorkommen mit 550 000 bis 560 000 t je Monat. Man hat ausgebaut und modernisiert, ist aber an der Leistungsgrenze angelangt. Die Kalkulation ist prekär, denn man hat die Preise seit 1951 festgehalten, während, die Kosten in diesem Zeitraum erheblich gestiegen sind, z. B. um 67 v. H. die Löhne, um 50 v. H. die Preise für Eisen und um 175 v. H. für Grubenholz. Besonders kleine Bergbaubetriebe sind in Verlegenheit gekommen, während Unternehmen wie die Alpine ihren Ausgleich innerhalb des gemischten Konzerns leichter finden konnten.

Die Preisbildung für die wichtigen Energieträger ist überhaupt sehr unausgeglichen. Es muß zu Bedarfsverzerrungen kommen, wenn eine Million Wärmeeinheiten bei Ruhrkohle 116 Schilling, bei steirischer Braunkohle 67 bis 70 S und bei Heizöl nur 57 S kosten. (Ein Vergleich für elektrische Energie ist wegen der unterschiedlichen Tarife für die einzelnen Verwendungszwecke nicht möglich; zudem steht hier eine Erhöhung der Preise bevor.) Für Steinkohle zahlt man ab Rutsche Wien im Großhandel 93,90 S je 100 kg, für inländische Braunkohle 37,10 S (erst ab 1. Januar 1957 ist deren Erhöhung um 15 v. H. erfolgt).

Die österreichische Energiebilanz hat gewiß durch den Ausbau der Wasserkräfte eine Verbesserung erfahren. Die öffentlichen Elektrizitätsversorgungsunternehmen (ohne Bahnkraftwerke und Eigenanlagen der Industrie) erbringen jetzt im Monat 780 Mill. kWh, also doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Aber der Bedarf wächst noch rascher. Zum forcierten Ausbau der Werke fehlt es, seit die ERP-Quellen nicht mehr fließen, an Geld; die letzte Investitionsanleihe war ein solider Fehlschlag, die Weltbankanleihen (die von der Erhöhung der Strompreise bis zur Kostendeckung abhängig gemacht wurden) reichen nicht aus. Das vielgepriesene Erdöl geht zu einem großen Teil an die UdSSR, die neuen Sonden erweisen sich als wenig ergiebig. So lebt man eigentlich in dieser Hinsicht "von der Hand in den Mund", ist im stärksten Maße vom Ausland abhängig und wird sich auch bald anstrengen müssen, die z. T. regulierte Preisbildung den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten anzupassen.