RH-Hamburg

In der Mitte eines Hamburger Schaufensters hängt eine blanke Schiffsglocke aus Messing mit der Aufschrift Rejkjavik 1920. Sie schwebt über einer kuriosen Ansammlung von Gegenständen, einer Art Bodensatz der letzten hundert Jahre. Man sieht: eine Kuckucksuhr, einen Staubsauger, ein Bügeleisen für Holzkohlenfüllung, Bilderrahmen aus Geweih, Sicherheitsnadeln, leicht angerostet, 12 Stück zu zehn Pfennig, Rasierklingen für einen Pfennig das Stück, den "Propeller von Adolf Hitlers Privatflugzeug von 1923" zum Preise von zwanzig Mark, eine Schaufensterpuppe mit Strohhut, ein Milli-Ampèremeter, einen elektrischen Widerstand, einen Motor. Da liegen "Rosen von Jerichow", jene moosartigen Wüstenpflanzen, die zusammengerollt grau und leblos wirken und durch heißes Wasser wieder grünen können; da ist eine Kaffeekanne in Gestalt einer dicken Frau mit der Aufschrift "Mensch, laß ab vom Alkohol, nur im Kaffee liegt dein Wohl", eine Reservistenschnapsflasche aus Wilhelmshaven, aus Blech gearbeitet mit plastischer Verzierung in bunten Farben, einen Matrosen mit Mädchen darstellend, auf der Rückseite ein praktisches Fenster, durch das man den Schnapsstand kontrollieren kann. Da gibt es außerdem Klingeldraht, gläserne Aquarien, einen Schleifstein mit Gestell, zwei Buntdrucke im Rahmen, Münzen, Briefmarken und Akkumulatoren, Briefsteller für Liebende, Graf Waldersees Erinnerungen, Rosenbergs Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts, Jahrgänge der NS-Monatshefte, eine Apothekerwaage, eine ausgestopfte Eule, ein junges Krokodil, Schrauben, Nieten und Nägel; einen Tropenhelm, einen englischen Stahlhelm, Feuerwehrhelme, Pickelhauben.

Und mittendrin, vorn nahe der Scheibe, steht ein Tablett mit vielen Orden. Partiewaren und Ordenshandel lautet die Firmenbezeichnung. Der Laden ist in der Sternstraße – und ein Stern, ein Ordensstern hat unsere Aufmerksamkeit erregt. Inmitten all der Herrlichkeiten nämlich lag in diesem Schaufenster, erhöht auf lila Samtunterlage, ein funkelndes Ritterkreuz. Man las: Nur 18 mal verliehen! Ritterkreuz mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten (66!). Preis 5000 DM.

Die Arbeiter, die auf dem Nachhausewege hier zu kaufen pflegen, Was sie zum technischen Basteln brauchen, standen vor dem Fenster und betrachteten den seltenen Schatz. Aber auch der Polizei fiel es auf – und nun ist es fort, das Ritterkreuz mit Eichenlaub, Schwertern und 66 Brillanten, das für fünftausend Mark zu erwerben gewesen wäre.

Der Orden ist fort, die Sehenswürdigkeit ist geblieben. Denn, die ganze Breite des Schaufensters einnehmend, ist die rotgeschriebene Ankündigung noch zu lesen, der Text nur durchgestrichen. Der lila Samt trägt noch ein Photo des Ordens, und folgende Zeilen hat der Ladeninhaber als Erklärung auf eine Pappkarte gesetzt:

"Am 15. 1. wurde mir von einer deutschen Behörde verboten, das Ritterkreuz zu verkaufen oder zur Schau zu stellen. Grund: Kontrollratsgesetz Nr. 7 von 1945."

Auf dem nächsten Schild steht: "Seit dem 5. 5. 55 ist die Bundesrepublik ein souveräner Staat!"