Von Gösta von Uexküll

Ein deutscher Arzt – der Kölner Internist Professor Schulten – wurde an das Krankenbett eines Mitglieds der Sowjetregierung gerufen. Diese Nachricht beleuchtet blitzartig eine Tatsache, von der man nicht gern redet und die doch niemand, der Bescheid weiß, leugnet: Die Politik frißt ihre Kinder!

Man kann Lady Eden nachfühlen, daß sie den Sturz ihres Mannes von den Höhen der Macht begrüßt, ja heimlich herbeigesehnt hat; denn wäre er Premierminister geblieben, hätte sehr wahrscheinlich der Tod ihm eines nicht allzufernen Tages die Zügel aus der Hand genommen, so wie er sie Roosevelt, Sir Stafford Cripps, Ernest Bevin, Alcide de Gasperi – um nur ein paar der bekannteren Opfer der Politik aus dem westlichen Lager zu nennen – aus der Hand nahm. Und wie lange war schon vor ihrem Tode die Politik, die sie machten, nicht mehr die gleiche wie in ihren "besten Jahren"! Nicht nur, daß diese Staatsmänner ihre Gesundheit und viele Jahre ihres Lebens opfern, wir können – so tragisch das sein mag – ihnen dieses Opfer nicht einmal danken, denn wir brauchen, mehr als irgendwo, in der Politik gesunde Menschen.

Wäre der jetzt 59jährige Eden dem Rat seiner Ärzte gefolgt, hätte er das Premierministeramt nie angetreten. Schon die Jahre als Außenminister hatten an seiner nie sehr starken Gesundheit gezehrt. 1953 erkrankte er an Gallenkrebs, und sein Leben hing an einem Faden. Nach der Operation rieten ihm die Ärzte dringend, sich zu schonen, aber die Lockung der Premierwürde war zu stark-Äußerlich ging alles gut bis zur Suez-Krise, aber das Korridorgeflüster von Whitehall berichtete von Wutausbrüchen bei unbedeutenden Anlässen und von regelrechten Nervenkrisen, ja Weinkrämpfen. Sir Anthony war, wie man das schonend nannte, ein "schwieriger Vorgesetzter" geworden.

Der 66jährige Dwight Eisenhower ist aus wesentlich härterem Holz geschnitzt. Vier Jahre Oberbefehl im zweiten Weltkrieg trug er wie ein Jüngling, aber vier Jahre Politik machten auch aus ihm einen alten. Mann. Zwei ernste Erkrankungen (Koronartrombose und Ileitis) waren die Quittung für ein Leben in ständiger Anspannung, waren die Spuren einer fast übermenschlichen Verantwortung und Arbeitslast. Es wäre Übertreibung, Eisenhower einen "verbrauchten Mann" zu nennen, aber die Natur hat Regeln, gegen die auch ein Staatsmann nicht ungestraft sündigt, und sie hat ohne Zweifel auch Ton Eisenhower ihren Tribut gefordert. – Das gleiche gilt für Eisenhowers rechte Hand Foster Dulles. Er verbrachte einen so großen Teil seiner tun über vierjährigen Amtszeit auf Reisen, daß boshafte Landsleute ihn "Amerikas am weitesten reichendes fehlgelenktes (statt ferngelenktes)Geschoß" genannt haben. Dulles arbeitet 12 bis 13 Stunden am Tage, und bis vor kurzem schienen weder dieses Arbeitspensum noch die ständigen Reisen und die unzähligen Konferenzen ihm etwas anhaben zu können, Aber plötzlich, inmitten der Suez- und Ungarnkrise, mußte er ins Krankenhaus (Krebs und Dickdarm lautete die Diagnose). Kaum war die Operation überstanden, saß er wieder im Arbeitstisch. Neue Reden, neue Konferenzen, neue Entscheidungen, von denen das Schicksal der Welt abhängen kann, warten auf ihn, und seit einigen Monaten klagte er – zum erstenmal in seinem Leben – über Müdigkeit...

Diktatoren sind – auch medizinisch gesprochen – ebensowenig Übermenschen wie ihre demokratischen Kollegen. Nur hört man von ihren Krankheiten meist erst anläßlich ihres Staatsbegräbnisses. Das ist auch der Grund, warum bei solchen Gelegenheiten fast immer Gerüchte auftauchen, sie seien keines natürlichen Todes gestorben. Dabei ist ihr Tod genauso natürlich wie der eines westlichen Staatsmannes, der sich zuviel zugemutet hat.

Stark wie ein Bär war einst der heute 57jährige ukrainische Bauernsohn Nikita Chruschtschow. Der beste Ringkämpfer seines Gouvernements, gab er auch als Parteichef seinen Freunden und Gästen gern Proben seiner Körperkraft. Die Politik hat aber auch diesen Champion auf die Matte gelegt. Sechs Stunden dauerte seine öffentliche Rede auf dem XX. Parteikongreß, und die berühmte Geheimrede, die das Signal zur Entstalinisierung gab, wird auch nicht viel kürzer und bestimmt auch nicht weniger anstrengend gewesen sein. Chruschtschows Wodka-Konsum war von jeher beträchtlich, aber erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit nimmt er den Alkohol zur Hilfe – muß er ihn zur Hilfe nehmen – um sein Soll an Festreden zu erfüllen; wobei es dann häufig vorkommt, daß er es übererfüllt und aus der Rolle fällt. Immer häufiger verordnen ihm die Ärzte Erholungspausen auf der Krim, aber der "Aufbrauchprozeß" (der neueste Terminus für Managerkrankheit) wird dadurch nur verlangsamt, nicht aufgehalten. Hin und wieder taucht auch das Gerücht auf, Chruschtschow sei zuckerkrank. Aber Genaueres darüber wissen nur seine nächsten Kollegen und seine Ärzte.