Von Prof. Dr. Ludwig Erhard

Der nachfolgende Aufsatz ist dem Buch von Bundeswirtschaftsminister Prof. Dr. Ludwig Erhard entnommen, das jetzt aus Anlaß seines 60. Geburtstages unter dem Titel "Wohlstand für alle" auf dem Büchermarkt erschienen ist (Econ-Verlag GmbH., Düsseldorf; 384 Seiten, Leinen 14,80 DM). Das Buch ist eine Art Rechenschaftslegung über den in den vergangenen Jahren gesteuerten wirtschaftspolitischen Kurs, darüber hinaus eine sehr lebendig geschriebene Auseinandersetzung mit den Problemen, die der Lösung noch harren. Als kleine Kostprobe ein Auszug aus dem Kapitel, das sich mit der so umstrittenen "psychologischen Kriegführung", genannt "Seelenmassage", beschäftigt.

Gelingt es, mit psychologischen Mitteln ein verändertes wirtschaftliches Verhalten der Bevölkerung zu bewirken, dann werden diese psychologischen Einwirkungen zu einer ökonomischen Realität und erfüllen den gleichen Zweck wie andere Maßnahmen der hergebrachten Konjunkturpolitik." – In diesem Satz, den ich in der ersten Konjunkturdebatte des Deutschen Bundestages am 19. Oktober 1955 in Berlin im Namen der Bundesregierung aussprach, ist der Grundgedanke gekennzeichnet, der mich veranlaßt hat, mit einer Fülle von psychologischen Einwirkungen zu arbeiten, um diese als ein gleichberechtigtes Mittel neben die bisher bekannten Methoden der traditionellen Konjunkturpolitik zu stellen. Vom Standpunkt einer reinen Theorie aus mag sich diese Art der Beeinflussung der Marktteilnehmer nicht recht in das System einer Marktwirtschaft üblicher Prägung einfügen. Ich sehe indessen keinen Anlaß, aus dogmatischen Gründen darauf zu verzichten.

Oft genug bin ich getadelt worden, weil ich angeblich zu systemtreu bin. Man sollte mich deshalb nicht schelten, wenn ich als Wirtschaftspolitiker von dem Idealtypus der reinen Ökonomie einmal abweiche. In meinen Augen liegt hier kein Verstoß gegen den richtig verstandenen Ordnungsgedanken einer Marktwirtschaft vor. Es handelt sich schlicht und einfach um die Nutzanwendung der Wirtschaftspsychologie: Das wirtschaftliche Geschehen läuft nicht nach mechanischen Gesetzen ab. Die Wirtschaft hat nicht ein Eigenleben im Sinne eines seelenlosen Automatismus, sondern sie wird von Menschen getragen und von Menschen geformt. Wenn dem so ist – und das kann füglich nicht bezweifelt werden –, dann wird sich das Gepräge, d. h. die Struktur und das Bild der Wirtschaft, je nach unserem Handeln und Verhalten, deutlich spürbar verändern, ja, sogar verändern müssen. Man soll daher die Methode psychologischer Einwirkungen nicht geringschätzen.

Gegenüber solchen sehr weitreichenden Zusammenhängen schlagen die Einwände der orthodoxen Liberalen, die ausschließlich die klassischen Mittel gelten lassen wollen, nicht durch. Die Kritiker ultraliberaler Prägung sollten sich ihr Gewissen wegen meiner mangelnden Gesinnungstreue wirklich nicht belasten. Ich vertrete sogar die Auffassung, daß diese von mir herausgestellten Methoden bisher in der Theorie und auch in der Wirtschaftspolitik viel zu wenig beachtet und auch zu selten angewandt wurden.

Die moderne Psychologie verlangt geradezu danach, den volkswirtschaftlichen Prozeß nicht nur in einem Technischen Sinne zu begreifen; es kommt ebensosehr darauf an, auch die Menschen, die diesen Apparat bewegen, in das volkswirtschaftliche Kalkül einzubeziehen. Für den Ablauf der Wirtschaft ist es von entscheidender Bedeutung, wie wir uns selbst verhalten, wie wir handeln. Ob wir optimistisch oder pessimistisch sind, ob wir à la Hausse oder à la Baisse spekulieren, ob wir sparen oder verbrauchen wollen – das alles schlägt sich in wirtschaftlichen Daten nieder.

Ich bin der Überzeugung, daß der von mir praktizierte psychologische Feldzug, der in Deutschland gemeinhin als "Seelenmassage" bezeichnet wird, in Zukunft nicht mehr aus dem wirtschaftspolitischen Instrumentarium wegzudenken ist. Allerdings scheint mir schon jetzt der Hinweis wichtig: es wäre wohl weltfremd, zu betont etwa mit moralischen Appellen arbeiten zu wollen. Selbstverständlich soll das wiederum nicht besagen, ich hielte die Wirtschaft und das wirtschaftliche Handeln der Menschen etwa für amoralisch. Es hat aber wenig Sinn, die Menschen aufzurufen, wenn sie dabei das Gefühl haben, sie sollten einem Minister oder der Regierung zuliebe Opfer bringen. Es ist den Marktteilnehmern vielmehr klarzumachen, wie sehr sich das Befolgen der Stimme des gesunden Menschenverstandes und der wirtschaftlichen Vernunft letztlich zu ihren eigenen Gunsten auswirkt.