Das Bielefelder Institut für Meinungsforschung legte kürzlich das Ergebnis einer Befragung von rund 1500 bundesdeutschen und Westberliner Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren vor, die in einem repräsentativen Querschnitt ein Bild von den Problemen der heutigen Jugend vermitteln sollte. Neben manchen recht erfreulichen Erkenntnissen darüber, daß die vielgeschmähte Generation der "Halbstarken" gar nicht "so" ist, gewinnt man bei der Lektüre leider auch eine höchst bestürzende Einsicht. Da stellten die Meinungsforscher nämlich die Frage, welche Persönlichkeiten in Deutschland die Jugendlichen bewundern. Und drei Jahre hintereinander, 1953 bis 1955, lauteten die Antworten bei der männlichen Jugend ziemlich konstant in einer Reihe: Bismarck, Hitler, Goethe, Friedrich der Große, Hindenburg und Luther. Gerade in ihrer Nüchternheit wirkt diese Feststellung erschreckend. Daran ändert auch nichts, daß zwischen Bismarck, der 17 v. H. aller Stimmen erhielt, und dem kriminellen Volksverführer ein weiter Abstand liegt. Wobei es nicht nur der Name Hitler in dieser Liste ist, der erneut Zweifel an der Berechtigung des Wortes vom "Volk der Dichter und Denker" aufkommen läßt.

Nach dieser Erfahrung – und bedenkt man, daß andere demoskopische Umfragen unter Erwachsenen, die doch den trübsten Abschnitt unserer Geschichte, im Gegensatz zu der Jugend, bewußt miterlebten, manchmal nicht viel erfreulicher ausfielen – ist zunächst einmal deutlich ja zu sagen zu dem Stresemann-Film, der jetzt in den Filmtheatern anläuft. Ja zu sagen trotz vieler Einwände. Dies ist ein notwendiger und deshalb wichtiger Film, weil er – hier sei das anspruchsvolle Wort gestattet – im Sinne der Demokratie staatspolitisch bildend wirken kann. Er ist um so mehr zu begrüßen, als wir uns fast schon resigniert daran gewöhnt hatten, daß unsere Vergangenheit auf der Leinwand nur in Gestalt von Monarchen, Generälen und Spionen wieder zu flimmerndem Leben erweckt wird.

Die Grundkonzeption des Drehbuchs also ist gut, aber leider nicht sehr gut. Die Verfasser, Axel Eggebrecht, Ludwig Berger und Curt J. Braun, haben die in dem Stoff liegenden Möglichkeiten nicht erschöpft. So erfahren wir fast gar nichts vom politischen Hintergrund der Zeit. Deren Atmosphäre wird lediglich in einigen, allerdings gut gelungenen Szenen von Kabinetts- und Reichstagssitzungen reflektiert. Alles spielt sich sozusagen auf Regierungsebene ab. Das Volk existiert nicht, abgesehen von einer dürftigen Ruhrkampfszene, der kurzen Einblendung marschierender SA und jubelnder europäischer Massen und der dramaturgischen Verlegenheitsfigur eines jeweils bei markanten politischen Ereignissen oder Todesnachrichten auftauchenden Zeitungshändlers. Statt dessen hat man als Parallelhandlung die obligate Liebesgeschichte, hier zwischen Stresemanns Sekretärin (die aparte Anouk Aimée) und einem sich vom stur nationalistischen Gegner ihres Chefs zu seinem Anhänger wandelnden Journalisten (gut als Typ Wolfgang Preiss), als Ersatz eingefügt.

Der Film beschränkt sich darauf, Stresemanns Kampf für die deutsch-französische Verständigung und, vielleicht etwas zu aktuell projeziert, seinen Traum von europäischer Einigung zu zeigen. Dabei kommt sein diplomatisches Geschick etwas zu kurz weg, und vieles wird historisch vereinfacht. Das Zusammenspiel mit Briand erscheint manchmal fast als Idylle. Aus Stresemanns Krankheit zieht man, verstärkt durch einige erfundene Szenen, besonders dramatische Wirkungen.

Als Stresemann ist Ernst Schröder mehr er selbst, das aber wie immer großartig, womit er wesentlich den Erfolg des Films trägt. Ihm zur Seite ebenbürtig Leonard Steckel in erstaunlich echter Maske als sympathischer Briand. Paul Dahlkes Ebert sieht allerdings so jung aus, daß man überrascht ist, so schnell seinen Tod als Schlagzeile zu lesen. Damenhaft souverän Suzanne v. Almassy als Frau Stresemann, überzeugend in der verknöcherten Ablehnung Erwin Kaiser als Poincaré. Boris Blachers Musik hilft dem Film wesentlich. Heinz Kersten