Von Rudolf Walter Leonhardt

Wichtiger als alles bleibt doch die Wiedervereinigung", erklärte der junge Mann mit dem Pathos dessen, dem es sehr ernst ist. Und damit erreichte unser Gespräch einen Höhepunkt. Gesprächspartner war Stephen O’Connor, ein irischer Student, rotblond, hager, sommersprossig, etwas wild und verwegen in seinem Gebaren. Nun hatte ich zwar die tiefe Verbundenheit mit Deutschland und allem Deutschen wiederholt gespürt in Irland, ob sie sich in skurrilen Gesten äußerte wie dem Beileidstelegramm, das der damalige "Taoiseach" (Premierminister der Irischen Republik) De Valera zum Tode Hitlers an Dönitz richtete, oder in der großzügigen Hilfsaktion der ersten Nachkriegsjahre, durch die damals das kleine und nicht sehr reiche Irland (dessen Gesamteinwohnerzahl kaum ausreichen würde, Berlin zu füllen) viele Deutsche vor dem Verhungern bewahrte. Nun hatte ich auch selber auf der grünen Insel eine so gastliche Aufnahme gefunden, daß ich mich dort eigentlich niemals fremd fühlen konnte. Aber diese Anteilnahme meines irischen Gesprächspartners am Schicksal der deutschen Spaltung, sein eines deutschen Bundestagsabgeordneten im Wahljahr würdiges Bekenntnis zur Wiedervereinigung traf mich doch etwas unvorbereitet.

Bis ich schließlich merkte: Nicht von Deutschland sondern von Irland war die Rede. Auch Irland ist – wie der Weltöffentlichkeit in den vergangenen Wochen wieder deutlich gemacht wurde – ein gespaltenes Land; auch in Irland steht "Wiedervereinigung" nun schon seit vielen Jahren an der Spitze aller Parteiprogramme. Privat aber sagte mir ein anglo-irischer Politiker, was er öffentlich zu sagen kaum wagen würde: "Das geteilte Irland ist ein glücklicheres Irland, und in Wirklichkeit sind die meisten Iren ganz zufrieden damit, oder sie haben sich doch wenigstens mit diesem Zustand abgefunden."

Was solche Argumente wert sind, wird einem Deutschen am ehesten klar, wenn er an die Stelle von Irland "Deutschland" setzt. Es gibt nichts, was für eine deutsche Teilung sprechen könnte; davon sind die Deutschen überzeugt. In englischen oder französischen Zeitungen kann man aber auch andere Ansichten lesen: Könnte nicht ein wiedervereinigtes Deutschland von seinen westlichen wie von seinen östlichen Nachbarn als Drohung empfunden werden? Wäre es nicht möglich, daß eine solche alldeutsche Basis zu einer Machtpolitik verlockte, die wir Deutsche als anachronistisch abzutun keine Schwierigkeiten haben? Müßte die Zusammenlegung zweier ihrem Wesen nach so grundsätzlich verschiedener ökonomischer Systeme nicht zu heftigen Erschütterungen der Volkswirtschaft führen? Ist Wiedervereinigung in jedem Falle ehrlich gemeint – wird sie nicht vielleicht doch von manchen heimlich als Eroberung der Bundesrepublik durch die DDR, von anderen als Eroberung der DDR durch die Bundesrepublik gemeint? Das sind Fragen, die in England und Frankreich täglich diskutiert werden. Wir Deutsche aber wissen: Sprächen nicht alle Vernunftgründe für die Wiedervereinigung Deutschlands, wir würden dennoch zueinander streben. Logische Vernunft spielt aber im organischen Leben – und deswegen auch im Leben der Völker – eine untergeordnete Rolle. "Glücklicherweise"; sagen die einen; "leider" die anderen – aber was immer die einen und die anderen sagen, ändert gar nichts an der Tatsache: geteilte Nationen streben auch gegen alle Vernunftsgründe zusammen. Gerade darin liegt ja das Gefahrenmoment solcher Teilungen: daß sie Kräfte aufrufen, die ihrem Wesen nach widervernünftig sind.

Als die ersten Meldungen von den nationalistischen Unruhen in Nordirland kamen, waren wenige geneigt, sie sehr ernst zu nehmen. Junge Hitzköpfe gibt es überall, und in Irland sind sie besonders zahlreich. Sowohl Regierung wie Opposition der Irischen Republik verurteilten die Überfälle und distanzierten sich davon. Die Partei für den Zusammenschluß Irlands, die Sinn Fein, hat nur in zwei Grafschaften (von 32) nennenswerten Anhang; die geheimnisvolle "Armee im Schatten", die IRA (Irische Republikanische Armee), ist zahlenmäßig nur schwach – 1500 Mann, wenn’s viel ist. Sowohl Sinn Fein wie IRA beziehen finanzielle Hilfe aus Amerika, von irischen "Patrioten", die dorthin ausgewandert sind. Das allein, so hieß es – hält sie am Leben. Dann fing eine Lawine an zu rollen. Der Überfall auf die Funkstation der BBC in Nordirland war offensichtlich schon mehr als ein Halbstarkenstreich. Daraus wurde ein regelrechter Kampf, bei dem Menschen verletzt wurden und ums Leben kamen. Einer der Toten wurde in der südirischen Stadt Limerick beigesetzt. An seinem Begräbnis sollen 20 000 Menschen teilgenommen haben – das ist aber die Hälfte der Gesamteinwohnerzahl des Städtchens. Über Nacht war aus dem Angehörigen einer angeblich unbedeutenden Geheimorganisation, deren Treiben von der eigenen Regierung aufs schärfste mißbilligt und außerhalb der irischen Republik "verbrecherisch" genannt wurde, ein Nationalheld geworden. Und die Lawine rollt weiter. Was zunächst aussah wie ein bißchen Klamauk und Rauferei, ohne die in Irland ja kaum ein Tag vergeht, endete mit dem Rücktritt der irischen Regierung. Falls es damit endet...

Nichts ist dabei vernünftig zugegangen und nichts,war vorhersehbar. Das Streben nach Wiedervereinigung entspringt nicht Vernunftsgründen, die gegeneinander abgewogen und diskutiert werden könnten – weder in Irland noch anderswo.

Die Quintessenz sollte nicht Resignation sein, sondern Einsatz der politischen Vernunft dort, wo der Einsatz sich lohnt. Vorher aber bedenke man: Ein Land zu teilen, ist keine Lösung. Nachdem die Kunst des konstruktiven Kompromisses auch angelsächsischen Politikern abhanden gekommen zu sein scheint, wird in den letzten Jahren mit tödlicher Monotonie immer wieder die Teilung als kleineres Übel empfohlen. Es ließe sich sagen: Das Wichtigste für Irland (und man könnte dies mit brauchbaren Gründen belegen) sei eine Intensivierung seiner Landwirtschaft, eine Steigerung seines Industriepotentials, eine Festigung des gutnachbarlichen Verhältnisses zu Großbritannien, eine mißtrauenlösende Regelung der Minoritätsprobleme. Und dann spricht man eines Tages mit Iren, und die sagen: "Wichtiger als alles bleibt doch die Wiedervereinigung." Und möglicherweise haben sie sogar recht – wenn es sich auch nicht beweisen läßt.