Hinter den glänzenden, neonbeleuchteten Fassaden des Textileinzelhandels spielt sich ein scharfer Wettbewerb ab. Mit 26 bis 28 v.H. aller Einzelhandelsumsätze gehört der Textil- und Bekleidungseinzelhandel zu den bedeutendsten und umsatzstärksten Branchen. Er wird nur vom Lebensmitteleinzelhandel übertroffen, über dessen Theken 38 v. H. der mehr als 50 Mrd. DM betragenden Gesamtumsätze des Einzelhandels gehen.

Der Aufwand und die Höhe der Wiederaufbau-Investitionen der Textilgeschäfte, die allerdings – das darf nicht vergessen werden – sehr wesentlich das Gesicht unserer neuerstandenen Städte bestimmen, ist vielfach kritisiert worden. Man vermutet hinter diesem Aufwand Verdienstmöglichkeiten, die mit den harten Tatsachen des Käufermarktes nicht in Einklang zu bringen seien, und vergißt allerdings dabei, daß mit der schlichtbescheidenen Art der Warendarbietung unserer Väter und Großväter heute kein Geschäft mehr zu machen ist...

Um die Situation zu erläutern: Zwar gehören Textilien und Bekleidung zu den Grundbedürfnissen des Menschen, aber nur knapp die Hälfte der Umsätze dieser Branche sind noch von der Urnotwendigkeit der Wärmehaltung und des Witterungsschutzes, des Nachtlagers und des Haushaltes bestimmt. Der größere und unaufhaltsam wachsende Anteil der Verkäufe gehört zu der Gruppe des gehobenen elastischen Bedarfs, für den das psychologische Verkaufsklima erst durch Mode und Werbung geschaffen wird. Hier aber kann man nur durch modernste Geschäftseinrichtungen, Beleuchtungsmöglichkeiten und ein modisch ausgerichtetes Warenangebot am Käufer bleiben.

Die Indexzahl für Bekleidung in der Lebenshaltungsstatistik lag Ende des Jahres 1956 bei knapp 94 des Vorkorea-Standes. Die Zahl kennzeichnet am besten den Käufermarkt, in den sich die etwa 30 000 echten Textilgeschäfte, von denen mehr als die Hälfte Konfektion führen dürften, teilen müssen. Rund 270 000 Beschäftigte sind in den vorwiegend mittleren Betrieben tätig. Ihre Handlungsunkosten, von denen rd. 50 v. H. auf Personal entfallen, bilden das ernsteste Problem. Sie wuchsen in Umsatzprozenten seit 1949 von 20,4 v. H. auf 25,9 v. H. Die Tarifgehälter allein stiegen von 1950 bis 1956 um 88 v. H. Auch die sonstigen Handlungsunkosten, wie Mieten, Beleuchtung, Heizung und Steuern, haben sich stark erhöht. Man kann also als niedrigsten durchschnittlichen Handelsaufschlag 30 v. H. annehmen, der natürlich je nach Artikel und saisonaler oder modischer Entwertung von Lagerbeständen variiert werden muß. Diesen Aufschlag darf man allerdings nicht als Nutzenspanne ansehen. Die Einschätzung der Finanzämter – wenn die Buchhaltung vom Prüfer verworfen ist – nimmt einen Bruttoumsatznutzen zwischen 8 und 13 v. H. je nach Lage und Sortiment an. Diese Zahl wird von den Betroffenen noch als zu hoch angesehen, aber sie zeigt, daß selbst der Fiskus nicht an das Märchen von hundert- bis hundertzwanzigprozentigen Aufschlägen auf den Fabrikpreis glaubt.

Wie sollten auch solche Kalkulationen bei den vielumworbenen Kunden durchgesetzt werden? In der Großstadt wohnt die Konkurrenz nebenan oder um die Ecke. Dem verkehrsfernen Landgeschäft sitzt der Katalog des Versandhauses im Nacken. Je beschäftigte Person liegt der Umsatz in den bestgeführten Mittelbetrieben bei etwa 46 000 DM – in Warenhäusern wegen ihrer vielen Hilfskräfte bei 40 000 DM. Ein Verkäufer erfordert einschließlich Urlaubsvergütung, Gratifikationen, gesetzlicher und freiwilliger Sozialbeiträge zwischen 6000 bis 7000 DM im Jahr. Die Spanne, aus der alle Unkosten und Steuern bestritten werden müssen, muß also zwischen 30 bis 40 v. H. liegen. Das schließt natürlich nicht aus, daß auf hochmodische Waren ein höherer Aufschlag genommen wird, aber hier ist das Entwertungsrisiko durch einen verregneten Sommer oder zu milden Winter, durch einen Wechsel der Mode in der Halbjahrsspanne zwischen Einkauf und Verkauf so groß, daß höhere Aufschlägt durchaus berechtigt sind.

Trotzdem kann der Textileinzelhandel als durchaus krisenfest bezeichnet werden. Der Geltungsdrang des in der Mitte des 20. Jahrhunderts lebenden Menschen – sowohl bei Frauen wie bei Männern – ist so groß, daß ein Rückschlag in die Mangelpsychose nicht zu befürchten ist. Die Umschlaggeschwindigkeit in den Warenhäusern, die diese Zahl mit wissenschaftlicher Akribie erforschen, liegt bei 5,8mal im Jahr. Bei kleineren Textileinzelhändlern und Spezialgeschäften sinkt er bis auf 1,7 ab. Unsere 30 000 Textileinzelhändler mit ihrem Umsatz von über 15 Mrd. im Jahr 1956 – die Statistik der Textilverkaufsstellen zählt über 80 000, von denen aber 50 000 diesen Namen kaum verdienen – liegen also sicher im Bett des Warenflusses von der Industrie zum Verbraucher, aber keinesfalls bequemer und weicher als andere Zweige der Volkswirtschaft... E. Bissinger.