Florenz, Anfang Februar

Unter venezianischen Kronleuchtern, zwischen je sechs Reihen von Einkäufern aus aller Welt defilierten im Palazzo Pitti auf verkürztem Steg (weil die Zahl der Zuschauer so gewachsen war) die Mannequins der XIII. italienischen Schau der Kollektionen aus den bekanntesten Modehäusern Italiens. Nicht aller leider, und das gab Anlaß zu manchem Seufzen der geplagten Käufer und Berichterstatter, die schon etwas erschöpft von der vorhergehenden Schau in Rom kamen und sich nur mit viel Kaffee und stoischem Mut auf die an Florenz anschließenden Hauptkampftage der Frühlings- und Sommermodenschau in Paris vorbereiteten. Aber sie waren dennoch – weil es etwas zu erwarten gab – gern der Einladung einer Modeleitung gefolgt, in der es von Grafen und anderen Titeln wimmelte, weil’s die Herren und Damen aus Übersee so gern haben.

Fachleute sprechen viel von Capucci, der wieder nach Ansicht aller Zuständigen die beste italienische Kollektion zeigte. Die Sensation seiner "Entdeckung" vor zwei Jahren dauert also an. Damals wanderte einer der bekanntesten amerikanischenEinkäufer durch Florenz, blieb plötzlich mitten im Gewühl stehen, packte seinen italienischen Begleiter am Arm und sagte, auf eine auffallend elegante junge Dame zeigend: "Bitte, fragen Sie doch die Dame, wo sie ihr Kleid her hat." Die Einwände des Landeskundigen, so etwas sei ganz und gar unmöglich, nützten ihm nichts. Er fragte und man erfuhr den nie gehörten Namen eines ganz jungen Mannes in Rom, der aus Liebhaberei Kleider entwarf. Der einflußreiche Amerikaner fuhr nach Rom, war begeistert von Capuccis Arbeit und bat, man möge ihn samt seiner Kollektion zur internationalen Modenschau in Florenz einladen. Als ihm das höflich abgeschlagen wurde – er müsse bitte verstehen, ein ganz Unbekannter in der repräsentativsten Schau des Landes –, lud der Amerikaner den Unbekannten ein. Seine Privatvorführung in den Räumen des Grand Hotels vor den versammelten Einkäufern wurde der größte Erfolg. In diesem Jahr hielt der berühmte Capucci aus Rom es zum erstenmal nicht einmal für nötig, nach Florenz zu kommen. – Überhaupt: die Amerikaner! Zwar lagen die deutschen Einkäufer diesmal zahlenmäßig mit vielen Längen an der Spitze, die wichtigsten jedoch sind die Kunden aus Amerika, für deren Geschmack sichtlich fast alles zugeschnitten war. Die elegante Italienerin denkt nämlich nicht daran, wirklich extravagante Dinge zu tragen, dafür ist ihr Sinn für Form und ihr Geschmack zu alt. Die Amerikaner dagegen wollen keine "klassischen" Modelle für teures Geld in Italien kaufen; sie suchen das Ausgefallene – und die Italiener wären keine Italiener, wenn sie es ihnen nicht aufs einfallsreichste, heiterste und frechste präsentierten, wobei sie sich in der Linie diskret an Paris orientieren. Italiens eigentliche Stärke aber ist die Entwicklung eines sehr südländischen weiblichen Stils, der im ganzen Mittelmeerraum besonderen Anklang findet.

Wer kann die Kollektionen eines ganzen Landes beschreiben, zumal wenn die Mehrzahl der Spezies boutique angehört und nach allen Modeseiten ausschlägt: von der Bluse bis zum Hut, von der Sandale zur Tasche, vom Schirm bis zum Modeschmuck. Kein anderes Land kann seiner Mode ein so großartiges und einheitliches Schaufenster geben wie Italien. Alle Modehäuser hatten ihr Hauptquartier im Palazzo Strozzi und alle defilierten sie im Palazzo Pitti. (In Paris, Rom und Berlin muß man jedes Modehaus für sich aufsuchen.) Kein anderes Land, auch darüber war man sich einig, erlaubt sich mit soviel Charme soviel Extravaganz. Nicht nur in der Mode selbst.

Es begann damit, daß Carla Gronchi, die Frau des Staatspräsidenten, die Schau eröffnete und unter ihrem huldreichen Blick drei um die italienische Mode besonders verdienten Amerikanern die florentinische Lilie in Gold verliehen wurde. Und was dann der Direktion noch alles einfiel, ohne den seriösen Rahmen zu sprengen: Fahnenschwinger und Trommler vom Palio zu Siena. Mannequins mit Fahnen, mit Lampions, Mannequins, die zu anmutigen Abendkleidern ebenso anmutig einen rosengeschmückten Frack neben sich hertrugen und mit dem imaginären Begleiter scherzten. Vom Galaball samt Rock’n Roll im Palast zu schweigen.

Die engen, mit Tuniken, Schürzen und abknöpfbaren und auch als Cape zu verwendenden Röcken, versehenen Abendkleider Schuberts, wie üblich bei ihm aus sehr kostbarem Material mit viel Spitzen und Stickerei, sind aber eigentlich nur eine konsequente Weiterentwicklung seiner Tradition. Die durch Paris inspirierte Kollektion der Marucelli erregte in Florenz erhebliches Aufsehen. Aus schmalen Trägern fließt in weich fallenden Stoffen (Chiffon, Georgette, Battist, Crêpe de Chine) ein hochgerutschtes Empiremieder, fällt taillenlos weit, verjüngt sich unterm Knie und wird eingeschlagen. Niemand glaubte an den Erfolg dieser allen weiblichen Formen spottenden Linie, jeder bewunderte den Mut, der sie durch eine ganze Kollektion in kostbarem Material durchführte. Tragbar? Wohl kaum. Aber eine bis zum Extremen demonstrierte Idee, die aufhorchen ließ. Neu und tragbar waren dafür die Capes dieses Hauses und Stolas, die sich aus der Ärmelnaht über die Schultern ziehn.

In jeder Kollektion war Erfreuendes. Viel bewundert wurden Veneziani (Mailand) und Antonelli (Rom). Im Schnitt sah man trotz mancher reizvollen Einfälle nichts Neues, aber das erwartet und sucht man auch nicht in Italien. Was alle suchten, fanden sie in entzückender und verblüffender Fülle: unerreicht phantasievolle, sehr weich fallende Stoffe (Seidenjersey), Dessins und Farben in zuweilen schier unbeschreiblichen Zusammenstellungen. Wie soll man denn die Komposition von dreierlei grün (pistazie, reseda, moos) und geranium (die neue Modefarbe des Florentiners Emilio Pucci) beschreiben? Oder knallgelb mit bischofslila? Es klingt abscheulich, solange man es nicht sieht. Vielleicht gehört ein italienischer Himmel dazu. Vielleicht sind diese Farben in New York oder Hamburg wirklich abscheulich – hier sind sie schön.