"Nicht starr, aber konsequent halten wir an unserer Außenpolitik fest", erklärte Bundesaußenminister von Brentano im Bundestag zu Beginn einer langen außenpolitischen Debatte, die weniger neue Wege (zum Beispiel zur Wiedervereinigung) zeigte, als den Parteien Gelegenheit gab, sich den Wählern zu empfehlen. Adenauer nahm nicht an der Debatte teil, erklärte aber am Tage darauf in Berlin voller Optimismus, eine "neue Wende in der Politik" stehe bevor und der Tag der Wiedervereinigung sei näher als man glaube. Eine solche "Wechselbad-Therapie zwischen heiß und eiskalt" sei gefährlich, kommentierte die SPD.

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"Tommy, don’t go home!": Adenauer bot Macmillan die Erhöhung des westdeutschen Stationierungsbeitrags für die britischen Truppen in Deutschland um 50 v. H. an, falls er die Durchführung seines Plans, aus Ersparnisgründen etwa ein Drittel der englischen Truppen aus Deutschland abzuziehen, auch nur verschieben würde. Macmillan lehnte du? Angebot ab; er ist entschlossen, das englische Militärbudget um etwa ein Drittel (rund 300 Millionen Pfund) zu kürzen. Das Defizit, das hierdurch und durch ähnliche Einsparungsmaßnahmen der in Algerien stark beanspruchten Franzosen in der NATO-Streitmacht entsteht, soll durch Umstellung durch Atomwaffen und Raketen ausgeglichen werden – eine Entwicklung, der die NATO-Militärs mit großer Skepsis gegenüberstehen.

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Schüsse auf die UNEF: Bildlich und wörtlich kam die UNEF (United Nations Emergency Forces, die Polizeimacht der UNO) unter Beschuß. In der UNO selbst konnten sich die Delegierten trotz dringender Warnungen des kanadischenAußenministers Pearson nicht entschließen, Hammarskjöld die "Schießvollmacht" zu geben, die nötig ist, um den nunmehr sechsten Räumungsbefehl der UNO an die Adresse Israels zu erzwingen. Inzwischen fielen bereits die ersten Schüsse unweit des Gaza-Streifens zwischen Israelis und schwedischen UNO-Polizisten. Die UNEF hat die mehr als undankbare Aufgabe, beiderseits der israelischägyptischen Demarkationslinie Stellung zu beziehen, ohne klare Instruktionen für den Fall, daß die Israelis ihre Stellungen nicht freiwillig räumen.

Doch Streik in Holstein: Die 34 000 streikenden Metallarbeiter Holsteins verwarfen überraschend einen von Adenauer vermittelten Vergleich zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften mit 76,24 v. H. der Stimmen. Die Gewerkschaft (IG-Metall) rief daraufhin zum zweitenmal im Verlauf des jetzt schon 15 Wochen alten Streiks die Schlichtungsstelle in Kiel an. Auch für sie war das Nein der Arbeifer zu dem Bonner Kompromißvorschlag eine Niederlage.

Tito bildet wieder nach Moskau: Die Zeit sei offenbar noch nicht reif für einen Besuch in Washington, erklärte Tito, nachdem eine Reihe von amerikanischen Organisationen gegen seinen Amerikabesuch protestiert hatten. Unmittelbar darauf versicherte Chruschtschow dem jugoslawischen Botschafter in Moskau, daß er mit einer "neuen Form sowjetisch-jugoslawischer Koexistenz" einverstanden sei. Das bedeutet noch keine volle Aussöhnung, aber doch den beiderseitigen Entschluß, die ideologischen und politischen Meinungsverschiedenheiten einstweilen auf sich beruhen zu lassen, und es bedeutet einen Erfolg mehr für Moskau und eine Hoffnung weniger für Ungarn.

"Algerien Ist Frankreich" erklärte Frankreichs Außenminister Pineau vor dem politischen Ausschuß der UNO. Als sich die UNO vor zwei Jahren mit Algerien befassen wollte, verließ die französische Delegation die Versammlung unter Protest. Diesmal stimmte die französische Regierung einer Diskussion zu, um, wie Pineau sagte, Verleumdungen entgegenzutreten und die ausländische (gemeint ist ägyptische) Einmischung in die inneren Angelegenheiten Algeriens (und damit nach französischer Auffassung in die inneren Angelegenheiten Frankreichs) aufzuzeigen, aber sie wird bestimmt nicht zulassen, daß die UNO Schritte unternimmt, um die Berechtigung der algerischen Selbständigkeitswünsche zu prüfen. Sirius, 7. 2. 1957