Von H. M. Nieter O’Leary

• Jerusalem, Anfang Februar

Jerusalem ist eine zweigeteilte Stadt wie Berlin. Hier wie dort prallen zwei Ideologien aufeinander, die der arabischen Welt und des westlich eingestellten Israels. Wie ein Symbol ist Jerusalem geteilt; die biblische Altstadt gehört den Arabern, die moderne Stadt mit ihren wissenschaftlichen Instituten den Israelis. Dazwischen Niemandsland, mit Stacheldrahtverhauen, spanischen Reitern und Maschinengewehrnestern. Die arabische Seite ist besetzt von der arabischen Legion, die seinerzeit von den Engländern zum Schutze von Transjordanien aufgestellt wurde und nun wie gebannt auf die israelischen Linien starrt. Auf der israelischen Seite ist alles ruhig, viel zu ruhig für die arabischen Beobachter. Die Israelis denken gar nicht daran, anzugreifen. Ihre Taktik ist, die arabischen Kräfte zu trennen, und die jordanische Armee ist zu schwach, um von sich aus eine Offensive zu unternehmen. Über den Linien liegt eine fast unheimliche Stille, unterbrochen nur von dem gelegentlichen metallenen Schnappen eines Gewehrschlosses.

Der arabische Legionär, der hinter den Sandsäcken am MG steht, schaut interessiert in eins der Fenster, wo ein hübsches Israelimädchen steht, sich ein wenig schlaftrunken – es ist noch früh am Tage – die Haare kämmt und ab und zu in die 3egend guckt. Das Mädchen weiß sehr wohl, was sich hinter den Sandsäcken verbirgt, und daß es nur eines nervösen Fingers am Abzug bedarf ... Der junge Araber schaut noch immer zum Fenster hinauf – er lächelt sogar ein bißchen. Hoffentlich sieht es niemand, denn den Feind anzulächeln, ist verboten! Das Mädchen aber schaut hinüber zu den Bergen von Moab, die im violetten Dunstschleier jenseits des Jordantals liegen. Dann wieder gleitet ihr Blick über das Häusergewirr der dreifach heiligen Stadt mit ihrer gekrönten Mauer, ihren Türmen und herrlichen Toren, ihren Tempeln, Moscheen und Kirchen, der Via Dolorosa und der Grabeskirche, hingebreitet und übergössen von einer honigfarbenen Morgensonne. Diese Stadt mit den drei mächtigen Ideen, welche die Welt erschütterten, hat mit den neuen Ideen der Menschheit nichts zu tun; weder mit den Ideen Israels noch denen der Araber. Jerusalem ist nicht von dieser Welt. Immer wieder wurden seine Mauern eingerissen und aufgebaut. Von den Assyrern bis zu den arabischen Legionären. Die ganze Geschichte der Mittelmeerländer schritt über sie hinweg. Auch der Traum des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde einmal hier geträumt, als sich Friedrich II. von Hohenstaufen zum König von Jerusalem krönen ließ. Und doch gingen die Jahrhunderte fast spurlos an Jerusalem vorüber. Den Kreuzrittern, die vom ölberg die Stadt zum erstenmal sahen, bot sich der gleiche Blick wie den Arabern, die hier heute hinter ihren Maschinengewehren liegen.

Beängstigende Dynamik

Israel ist ein kleines Land. Man kann es von einem Ende bis zum anderen in ein paar Stunden Autofahrt befahren. Aber man könnte ein Menschenleben verbringen, um die Ziele, die Meinungen und Ideen zu klären, die in diesem winzigen Land miteinander ringen: Zionismus, Liberalismus, Hochkapitalismus, Demokratie, kommunistische Kibutzim, Atheismus und Orthodoxie, Talmud und Bibel, Koran und Karl Marx. Aber wichtiger als der Kampf der Ideen, ja wichtiger sogar als der Kampf der Waffen ist die Tatsache, daß die Juden ein Bauernvolk geworden und im Begriff sind, aus Wüste wieder ein Land zu machen, in dem Milch und Honig fließt. Die Gegenüberstellung von einst und jetzt ist überhaupt das Erregende an diesem Land. Immer wieder fühlt man die Atmosphäre des prophetischen Alten Testaments und auch des Christentums, dessen Wurzeln im Judaismus verankert sind. Von diesem Boden aus ging die christliche Lehre in alle Welt und gestaltete das Abendland zu dem, was es heute ist.