Chinas Kinder stellen in Ostberlin ans

Das Internationale Ausstellungs-Zentrum am Bahnhof Friedrichstraße beherbergt über 600 Zeichnungen, Bastelarbeiten und wissenschaftliche Modelle, angefertigt von chinesischen Schulkindern. Die Honneurs machen Mao-tse Tung und ein Pioniermädchen auf überlebensgroßer Photographie. Aus versteckten Lautsprechern quäkt fremdartige Musik, flötend, jaulend, dringt zwitschernd unverständlicher Gesang. Doch nach fünf Minuten möchte man die Geräuschkulisse nicht mehr missen. Bald vermag man altüberlieferte oder traditionsgebundene chinesische Weisen zu unterscheiden von Liedern unverkennbar russischen, eigentlich sowjetischen Klanges; eine frische Trivialität, der sogenannte Marschtritt der jungen Generation, übertönt das komplizierte Schema einer immer noch fruchtbaren Vergangenheit.

Auch in den Arbeiten der Kinder steht beides nebeneinander, Altes und Neues, Seidenstickerei und Flugzeugträger, Schattenspiel und Radioapparat. China hat für sich die Technik entdeckt. Der Bau von Lehrmodellen und -anlagen, die hier gezeigt werden, gehört zum polytechnischen Unterricht der Schulen, zur Beschäftigung in den Zirkeln der Jungen Pioniere: fahrbare Turmdrehkrane, Traktoren, elektrische Klingeln, kleine Städte...

Was kunstgewerblich von den Kindern, die durchweg nicht älter als 15 Jahre sind geleist wird. Es scheint, die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen ohne Einfluß auf die hochentwickelte volkstümliche Handwerkskunst Chinas geblieben sind. Sorgfalt, sicherer Pechgeschmack, Liebe zum Detail vereinen sich mit feiner Fingerfertigkeit. Seit Jahrhunderten werden als Material Bast, Stroh, Ton, weiche Steine, Papier, Seide, Holz und Porzellan verwendet, und die Kinder schufen daraus ansprechende kleine Kunstwerke. Lackarbeiten, Jadeschnitzereien und Schmelzarbeiten fehlen zwar oder treten zurück, aber es hieße auch den Bogen zu weit spannen, wollte man 15 jährigen solche Dinge abverlangen.

Aber da gibt es Pantöffelchen aus Base oder Stoff, schmiegsam geflochten und mit Blumen bestickt. Filigrane Spitzenwebereien, zarte Seidenstickerei, aus Samt genähte winzige Vögel. Die Figuren und Masken der Peking-Oper, phantastisch gekleidet, fratzenhaft, mit weißen, roten und schwarzen Barten; chinesische Schattenspiele, Scherenschnitte, fingergroße Schnitzereien. Geflochtene Gebrauchsgegenstände, dekorative Entwürfe von bewundernswerter Formsicherheit.

Die Aquarelle und Zeichnungen dieser Ausstellung haben den Ansturm der neuen Zeit weniger gut durch Wahrung der Tradition abgefangen. Das Bemühen, dem sozialistischen Realismus nachzueifern, führt zu hilflosen Darstellungen; auch die "erwachsenen" Künstler Chinas sind ja teilweise dem Sog des Propagandakitsches erlegen. Die Kinder bemalen Rollbilder mit Szenen ihres Alltags. Während die Landschaft, Wasser, Blumen, Bäume und Himmel in der duftigen Pinseltechnik gehalten sind, kleben Menschen, Häuser und Fahrzeuge allzu starkfarbig in nicht bewältigter Wirklichkeitstreue dazwischen. Diese Zeichnungen spiegeln das Eindringen des "neuen Lebens" ins Bewußtsein der Kinder wider. Demonstrationszüge, Bauarbeiten, Pioniere und das Lernen sind beliebte Themen. Doch die Welt des Kindes ist glücklicherweise auch in Volkschina weniger der Pflicht als dem Spiel, dem Ungebundenen zugewandt: Ein Rabe, der im Gras nach Würmern sucht, ist ganz gespannte Aufmerksamkeit. Bewegung und Auge des kleinen Mädchens zeugen von Überraschung und Schmerz in dem Blatt einer Vierjahrigen mit dem Kleeschen Titel ,,Wer hat die Blume gepflückt? Gezeichnet würde es auch in Deutschland nicht anders. Richtung und Weg des jungen China an Hand dieser Ausstellung deuten zu wollen, wäre verfehlt.

Niemand kann heute sagen, ob die junge Generation – oft ,,Blume des Vaterlandes" genannt – im erhabenen Strom der chinesischen Kunst weiterreiben oder ob sie die in der Ausschachtung begriffenen Kanäle eines platten Nautralismus bevorzugen wird.

Gottfried Paulsen