n. t., Bremen

Der Normalverbraucher wird zum Kaffee geladen. Das Abgründige in ihm soll erforscht werden. Die Wirtschaft hat genug von Statistiken und Umfragen über das, was die Kunden bevorzugen. Sie will jetzt mehr wissen. Sie fragt nach dem "Warum", Doch diese Frage nach den Motiven der Kunden, diese Ware zu kaufen, jene abzulehnen, ist nicht einfach zu beantworten. Die Normalverbraucher wissen es selbst nicht. So bohren nun die Psychologen beim trauten Klatsch im Unbewußten des Kunden herum, um herauszufinden, warum eine bestimmte Art von Verpackung, Firmenzeichen, Werbung erfolgreich ist.

Diese Aufgabe hat ein vor kurzem in Bremen von der Industrie gegründetes "Institut für Motivforschung" übernommen. Es residiert in einem ehemaligen Patrizierhaus im besten Wohnviertel der Stadt. Dorthin werden einzelne Verbraucher zum Kaffeeklatsch geladen. Beichtstuhl ist ein Polstersessel.

Dort sitzt der Besucher, während er über dies und jenes mit seinen Gastgebern schwätzt. Direkte Fragen führen zu nichts. Daher horchen die Fragepsychologen auf das Unbewußte, sezieren im stillen des Besuchers Worte, die Betonung und was dahinter steckt. Bleistift und notfalls ein Tonbandgerät helfen ihnen dabei. An die Stelle der Massenumfrage ist das persönliche Gespräch getreten.

Nebenbei wird gleich noch mit dem – sich "ob des Interesses geschmeichelt fühlenden – ‚Opfer‘" ein Rauchertest veranstaltet. Zwei Zigarettenschachteln liegen auf dem Tisch. Beide zeigen ein in der Öffentlichkeit unbekanntes Äußere. Welche Verpackung wird bevorzugt? Mitunter ist auch noch eine kleine Hinterlist im Spiel. In beiden, äußerlich verschiedenen Schachteln sind die gleichen Zigaretten. Doch meist schmeckt eine dem Besucher besser...

Außer im persönlichen Gespräch oder in der Gruppendiskussion geht man dem Unbewußten noch mit anderen Mitteln zu Leibe. Photos werden gezeigt, von wildfremden Menschen. Der Kunde soll aussagen, welcher Kaufgelüste er die Gezeigten für fähig hält – ob dieses dralle Bauernmädchen eher Pralinen als Schokolade essen wird, ob jener vierschrötige Herr möglicherweise lieber ein protziges Auto statt eines Kleinwagens fährt...

Konkreter für den Gast wird es schon vor dem Projektionsapparat. Mit dessen Hilfe werden ihm Firmenzeichen oder andere Dinge vorgezaubert. Hat er sie unterscheiden können? Was hat er überhaupt gesehen? Die Sekundenbruchteile, die das Zeichen auf der Leinwand aufleuchtete, entsprechen etwa der Zeit, die beim Passieren eines Schaufensters der einzelnen Waren gewidmet wird. Die beiden gekreuzten Blätter, die projiziert wurden, können grad so gut als "Schiff und Woge" wie als "Vögel" oder als "Hammer und Sichel" gedeutet werden. Der Eindruck des Gastes bestimmt die Zukunft des neuen Markenzeichens.

Bei anderen Versuchen wird das Farbempfinden des Verbrauchers ermittelt. Zieht die rotgestreifte Schachtel mehr als die grüngepunktete? Warum? Das Institut für Motivforschung addiert die Stimmen. Die Endsumme soll das Schaufensterbild von morgen bestimmen. Das Abgründige im Normalverbraucher übernimmt das Regiment.