In Bremen will der Bürger über das zukünftige Aussehen seiner Stadt mitreden

Von Peter Johannsen

Bremen, im Februar

Alte Bürgertraditionen sind in der Freien Hansestadt Bremen noch lebendig. Der Fremdling bekommt sie zu spüren durch ein Klima von Lebensgewohnheiten, die sich der Unpersönlichkeit in modernen Massenstädten hartnäckig widersetzen. Dieser Bürgergeist übernimmt auch außerhalb der Gremien politischer Willensbildung noch Verantwortung. Sinnfällige Zeugen sind zum Beispiel der große Bürgerpark, Bremens grüne Stadtlunge, die von Spenden erhalten wird, oder ein Hotel von internationalem Rang, wie inmitten dieser Grünanlagen das "Parkhotel". Weniger um des Gewinnes willen, vielmehr wegen der Gastlichkeit sind Bremer Geschäftsleute seine Gesellschafter. Historisierende Formeln wie "Hanseaten" oder "Patrizier", erfassen die Wirklichkeit von heute nicht. Als nach dem zweiten Weltkrieg die amerikanische Besatzung Einblick in bremische Lebensverhältnisse gewonnen hatte, da sagten die Sieger sogar von Gegenden, in denen Hafenarbeiter und andere "kleine Leute" wohnten, die Bremer seien ja alle "Plutokraten". Warum? Mehr als 80 von Hundert bremischen Wohnräumen waren Privatbesitz der Insassen. Auch der Arbeiter wurde hier bodenständig. Er ersparte sich das Eigenheim als Alterssicherung. Zusammen mit der Invalidenrente oder Betriebspension ermöglichte es dem Unbegüterten einen Lebensabend ohne Not.

Diesen Punkt hält die Gegenwartskritik der "Aufbaugemeinschaft Bremen" als eine bremische Konstante fest. Sie selbst, die "Aufbaugemeinschaft", ist eine Frucht bürgerlichen Willens zur Selbsthilfe und zur öffentlichen Verantwortung. Als Straßengemeinschaft aufbauwilligen Privatleute entstand sie zwischen den Trümmern schon 1945. Dann dehnte sie sich über die ganze Stadt aus. Heute ist die "Aufbaugemeinschaft" ein gemeinnütziger Verein, der mit Planung und Rat, mit Spenden und Kritik die Wiederherstellung zerstörter Wohngebiete fördert. Einer Einladung folgend, sahen wir einige neuralgische Punkte des Neu- und Wiederaufbaues von Bremen. Er gleicht einem zeitgeschichtlichen Museum aller Methoden, die während eines Jahrzehnts ausprobiert wurden. Ziel: das Bedürfnis nach Wohnraum schnell, billig und massenhaft zu befriedigen. Manches, was noch mit Marshallplan-Mitteln hingestellt wurde, dünkt heute schon wieder abbruchreif. Anderes, etwa ein Hochhaus mit origineller Fassade, würde sich in Architektur-Zeitschriften "interessant" ausnehmen. Aber seine Funktion als Wohnungswabe bleibt ein Experiment genauso wie einige Wohnblöcke, deren erkennbare Tendenz zur Auflockerung die Bodenfläche fehlt.

Streit um die Eigenheime

Die "Mietskaserne" ist das Schreckgespenst, das alle neuen Versuche überwinden wollen. Dennoch haben die Mietwohnungen in einem solchen Maße die Oberhand gewonnen, daß sich Vertreter der Bremer Wohntradition alarmiert fühlen. Verschiedene Wohnungsbaugesellschaften begünstigen die Tendenz, statt Eigentümer Mieter zu werden. Diesen Baugesellschaften, die ganze Stadtteile errichten, kommt das bremische Wohnungsbaugesetz besonders zustatten. Um nur schnell Wohnraum für viele zu schaffen, unterstützt es die billige Mietwohnung. Die öffentliche Mietsubvention in Höhe von tausend Mark jährlich je Wohneinheit wird von den Steuern der ganzen Bürgerschaft getragen. Dagegen revoltieren die freiwirtschaftlich denkenden Bevölkerungsteile. Sie fordern mindestens dieselbe Subvention für die private Eigentumsbildung im Wohnungswesen. Ihr Hauptargument sind die sittlichen Persönlichkeitskräfte, die durch das Eigentum an Boden und Wohnung für das staatliche Gemeinwesen entstehen. Das für Eigenheime erforderliche Privatkapital werde erfahrungsgemäß auch von weniger bemittelten Kreisen überraschend schnell und bereitwillig aufgebracht. Die Regierung, der ja die Beseitigung der Wohnungsnot als Aufgabe gestellt ist, dürfte demgegenüber argumentieren, daß die soziologische Strukturveränderung auch einer Freien Hansestadt zur Unterbringung von Massen zwingt, die ihrem Wesen nach zur Fluktuation neigen. Außerdem schätzen heute sehr viele Leute den Radioapparat, das Fernsehgerät, den eigenen Wagen, die Wochenendfahrt und die Ferienreise höher ein, als das entsagungsvolle Sparen auf das Eigenheim am Lebensabend.