Ein Brasilienbuch, das ein Standardwerk werden kann

Brasilien kann mit König Lear sagen: "Ich bin ein Mensch, an dem mehr gesündigt worden ist, als er an anderen gesündigt hat." Ganz Amerika kann das von sich sagen. Wir Europäer haben uns auf das neuentdeckte Land gestürzt, um endlich einmal nach Herzenslust mißhandeln zu können. Von dieser Mißhandlung haben sich auch Schriftsteller nicht ausgeschlossen. Wir erinnern uns noch der geistreichelnden Taktlosigkeiten Flemings, dessen Brasilienbuch mehr über den Witz des Autors aussagte, als über seinen Gegenstand. Ganz zu schweigen von den Büchern und Artikeln, worin Brasilien geschulmeistert wird, oder von jenen, darin es mit falscher Liebe, sprich Sentimentalität, angeschwärmt wird.

In der Einleitung seines Buches nun verspricht

Frank Arnau: "Der verchromte Urwald. Licht und Schatten über Brasilien." Umschau Verlag, Frankfurt/Main; 328 S., 14,80 DM,

Brasilien ganz realistisch zu schildern. Er hält sein Wort, dreihundert Seiten hindurch spricht er aufrichtig, und ehrlich.

Welche Mühe gibt sich der Autor, überall und immer Beobachtungen anzustellen und aus den kleinsten Anzeichen Rückschlüsse auf die tieferen Zusammenhänge zu ziehen! Selbst der alte, von tausend Sonnen ausgedörrte, von tausend Regen aufgeweichte Brasilienfahrer kann da noch lernen. Wenn man in allen brasilianischen Angelegenheiten das Staunen nicht längst verlernt hätte, würde man von diesem, in der Erzeugung von Spannungen durch ein halbes hundert Bücher geübten Autor in jenen berühmten Zustand versetzt, mit dem bekanntlich alle Philosophie beginnt. – Immer wieder bringt Arnau Zahlen bei, unbekümmert darum, daß seine Angaben in der Stunde, da sie gemacht werden und da das Buch erscheint, richtig sind, aber schon eine Woche oder einen Monat später überholt sein können. Er erklärt, rechnet nach, kalkuliert, gibt Rechenschaft über all diese Vorgänge – aber so einleuchtend jedes seiner Urteile, jede seiner Behauptungen, jede seiner Erklärung auch ist: das Gesamtbild wird dadurch nur um so verwirrender. Und in diesem sonderbaren Zug, daß sich alles einzeln herrlich erklärt, daß das Ganze aber durch die Aufaddierung von Erklärungen nur undurchsichtiger wird – diese Sonderbarkeit macht ein Charakteristikum Brasiliens – aus und stellt demnach einen hervorragenden Zug im Gesamtporträt dar. Die Unerklärlichkeiten Brasiliens stehen zwischen den Zeilen voller exakter Angaben, so wie sie im Leben, in Zeit und Raum, zwischen den Erscheinungen stehen und den fragenden Menschen angrinsen und auslachen. Nach der Logik müßte vieles anders sein, wäre vieles überhaupt nicht möglich. Aber siehe: in Brasilien ist, was nicht sein kann. Arnaus pointillistische Manier paßt ausgezeichnet zu diesem Gegenstand. Erfreut stellt man fest, daß der Autor die besten Eigenschaften des Brasilianers, seine Hilfsbereitschaft, seinen Hang zu innigem Familienleben aus vollem Herzen bezeugt. So führt uns der Autor den Brasilianer vor als eine erfreuliche und gelungene Abart des homo euro-americanus. Er sagt ja dazu, sein Ja mit unverkennbarer Liebe.

Was nun die dämonisch-tragische Figur des Präsidenten Getulio Vargas angeht (Arnau behandelt ihn ausführlich), so halte ich es mit der erdrückenden Mehrheit des Volkes und der großen Masse der Enterbten, die in ihrem Gêgê einen Vater des Vaterlandes und einen Freund und Bruder aller Armen verehrten. Arnau urteilt mit der Mehrheit der Reichen und Mächtigen, insbesondere auch seiner Kollegen, der Journalisten und mit den Ideologen und Moralisten, daß Getulio Vargas ein Begünstiger der Korruption, ja, selber ein Korrupter, und darüber hinaus eine Art Despot und Diktator gewesen sei. Daß Getulio Vargas korrupt gewesen sei – das ist auf jeden Fall falsch.