Von Paul Hühnerfeld

Daß in unserer prosaischen Zeit die Lyrik in der Literatur eine immer größere Rolle spielt, kann man an der zunehmenden Zahl der Gedichtbände ablesen. Und daß diese Bände auf ein immer größeres Publikumsinteresse stoßen, darf man voraussetzen: denn selbst der Verleger der zartesten Poesie ist auch Geschäftsmann, wobei freilich das verlegerische Mäzenatentum, das hier mehr blüht als in der Prosa, gern und mit Achtung zur Kenntnis genommen werden soll. Ob’s nun dieses immer mehr anwachsende Interesse speziell für die lyrische Aussage ist – oder ob die seit mindestens zehn Jahren in der Öffentlichkeit nicht ruhende Diskussion über die expressionistische bildende Kunst daran schuld ist (oder ob – was wahrscheinlich ist – beides zusammenkommt): jedenfalls erlebt vor allem die expressionistische Lyrik zur Zeit ihr glänzendes "Come back": schon vor zwei Jahren hat der Limes Verlag eine repräsentative Anthologie aus diesen – Jahren herausgebracht, vorangestellt ein polterndes, provozierendes und glanzvolles Vorwort von Gottfried Benn; die "Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung" veröffentlichte in ihrer Reihe der verschollenen Dichter die Werke Alfred Wolfenstein – Karl Ludwig Schneider, der Hamburger Philologe und präzise Kenner der expressionistischen Literatur gab Stadlers gesammeltes Werk heraus und sitzt zur Zeit über Manuskripten Georg Heyms. Die Zeit scheint reif geworden, von jenen großen Poeten unseres Jahrhunderts, die zu Lebzeiten mehr geschmäht als gelobt wurden, nun wirklich nicht an der polemischen Oberfläche, sondern im Zentrum des Selbst affiziert zu werden. Deshalb muß man dem Limes Verlag (jenem seltsamen Verlag, der den Expressionismus verlegt, ohne der Veröffentlichung der niedlich-dreisten Memoiren der Henriette von Schirach widerstehen zu können) dankbar sein, wenn er uns jetzt mit einem der reinsten expressionistischen Lyriker, mit

August Stramm: "Dein Lächeln weint." Gesammelte Gedichte. Mit einer Einleitung von Inge Stramm. Limes Verlag, Wiesbaden, 104 S., 8,50 DM,

wieder bekannt macht. Für August Stramm – unsere Leser werden sich erinnern – hat Karl Krolow in der ZEIT innerhalb einer Porträtreihe "Vergessene Dichter" eine Lanze gebrochen, er hat ihn vorgestellt als den Gehöhnten, dem Banausen nach der Lektüre seiner Gedichte eine 14tägige Schützengrabenkur "empfahlen" (wenig später fiel er 1915 als Hauptmann an der russischen Front). Inge Stramms, der Tochter, Vorwort geht natürlich in Einzelheiten noch weit über Krolows Porträt hinaus. Sie zeigt die doppelbödige Existenz Stramms, eines pflichtbewußten, höheren Postbeamten, dessen Frau erfolgreiche Roman- und Novellenschriftstellerin der "Gartenlaube" war, Und die andere Seite? Inge Stramm schildert ihre Entstehung mit einem unwahrscheinlich präzisen Satz, wenn sie sagt: "... über Papa war das Dichten plötzlich gekommen wie eine Krankheit, etwa im Jahre 1912." – Wie eine Krankheit! Die Tochter erzählt, wie der vierschrötige Westfale im Zimmer hin- und herlief, seinen Kindern (andere Zuhörer hatte er nicht, bis er auf Herwarth Waiden und den "Sturm" traf) vorlas, abgehackt, erregt mit "grauem" Gesicht. "Ein Dämon war in ihm erwacht...":

Dein Lächeln weint in meiner Brust

die glutverbissnen Lippen eisen

im Atem wittert Laubwelk!