Der Mensch ist das Maß aller Dinge geblieben – Keine Sklaven der Zivilisation – "Fremder" und "Gast" sind das gleiche

Von Eka v. Merveldt

Wie die Blumen die Erd’ und wie die Sterne den Himmel zieren, so zieret Athen Hellas und Hellas die Welt.

Unbekannter Hellenistischer Dichter, übersetzt von Johann Gottfried Herder.

Sehr überraschend, daß sich beim Anblick Athens der Vergleich mit Los Angeles aufdrängt, wenn man auf dem Hymetos steht, dem "veilchengekrönten" Berg, der seinen lila Schimmer von den duftenden Thymianbüschen empfängt, die den Honig der Bienen seit Jahrtausenden so wohlschmeckend machen. Wie Amerikas nach Ausdehrung größte Stadt der Welt (97 Kilometer beträgt in Los Angeles die bebaute Strecke der Nord-Süd-Richtung) ihre überwältigende Häuserflut zwischen Mügeln und Canyons und Meer schier grenzenlos ausbreitet, so tastet sich die helle griechische Hauptstadt fast unübersehbar zwischen und um mehrere Hügel von Faliron und Piräus bis weit in die Ebene, die im Norden vom Berg Parnes begrenzt wird. Athen und sein Hafen Piräus sind heute auf den sieben Kilometern, die im "goldenen Zeitalter" der Hellenen (400–300 v. Chr.) eine Straße zwischen hohen Schutzmauern verband, zusammengewachsen. Stadt und Hafen sind eins.

Aber nur dem soeben Angekommenen will es scheinen, als ob das Maß verlorenging und die Akropolis klein und unscheinbar darin liegt. Sie gibt mit ihren Bauten von unübertroffener Harmonie und Schönheit zwar heute nicht mehr das Maß für den stürmischen Ausbau der Stadt, aber sie ist noch immer der Mittelpunkt und bestimmend für das Lebensgefühl der Griechen. Wie es Plutarch schon 100 n. Chr. bestätigte, als er von jener Reihe ehrfürchtiger Griechen sprach, die hier oben die Taten ihrer Vorfahren bewunderten, so heute der weißbärtige, schwarzgekleidete Bauer aus Attika, den ich bei sinkender Sonne auf den für alte Menschen sehr beschwerlichen Stufen traf, die zu den Propyläen führen. "78 Jahre bin ich alt, und lier bin ich nun endlich", murmelte er und antwortete heiter und mit blitzenden Augen auf unsere Frage, ob er zum erstenmal hier sei: "Nein, aber wahrscheinlich zum letztenmal."

Der Mensch ist in Griechenland das Maß aller Dinge geblieben. Die Hybris, das Übermaß, die Überhebung – die Auflehnung gegen die Götter, die schon die temperamentvollen Vorfahren überwanden, wird noch heute gefürchtet und verachtet. Zwar rasen die autofahrenden Athener mit südländischer Leichtigkeit und Unternehmungslust wie die fast auf dem gleichen Breitengrad wohnenden Amerikaner in Los Angeles über weite Entfernungen zum Piräus, um einen guten Fisch zu essen, oder in die weit außerhalb gelegene Vorstadt, wo es eine besondere Art der beliebten Joghurt gibt. Sie brausen am Meer entlang, über Glyfada mit den Musterbungalows für Touristen hinaus, vorbei an der kleinen Halbinsel Vouliagmeni, aus der Onassis eine "Copacabana" (so heißt Rio de Janeiros berühmter Strand mitten in der Stadt) von Athen machen will, in schnellem Tempo die zerklüfteten Küsten umrundend, wo mancher Athener eine private Badebucht hat, in Richtung Kap Sunion. Ziel: Varkisa, ein beliebter Erholungsort in der Nähe der Stadt, wo es in einer winzigen, vom Meer umspülten Taverne, die direkt neben einer arrivierten großen steht, die besten Tintenfische und frisch gefangene Barbunia, die wohlschmeckenden roten Mittelmeerfische, zu essen gibt. Aber – hier würde jeder Amerikaner aus Los Angeles entsetzt zurückfahren: Die Fische, die man sehr sorgfältig und gemächlich mit dem Wirt in der Küche betastet und schließlich wählt, trägt der schwarzäugige Küchenjunge hinunter ans Wasser, putzt sie und spült sie in dem durchsichtigen Blau und ebenso selbstverständlich den frischen Salat, der gleich angenehm gesalzen wird. Nie haben mir Fische besser geschmeckt als hier an dem kleinen wackligen Tisch unter der milden Januarsonne. Mit überwältigender griechischer Gastfreundschaft, die mich später imner mehr begeisterte, schoben meine Führerin Olympia, die mir die ersten Schritte im Lande erleichterte, und ihr Mann Dimis, ein junger Politiker, der zwischen New York und Ankara alle Hauptstädte kennt, mir die besten Stücke des Tintenfisches hin, den wir alle drei nach Landessitte vom selben Teller aßen. Dafür schenkte ich ihnen die Köpfe meiner Fische, die ihnen eine Delikatesse bedeuten, so daß die drei Katzen unter dem Tisch fast leer ausgingen.