Von M. de Haan

Buchen, im Februar

Verspätung 150 Minuten" hieß die Durchsage auf dem Büchener Bahnhof, eine Stunde vor Mitternacht. "Na, das geht ja noch", sagt die freundliche Rote-Kreuz-Helferin. "Neulich waren es über fünf Stunden." Sie macht bereits die sechste Nacht ihren stillen Dienst – ehrenamtlich, wie alle vom "Einsatz" für den Empfang der Ostdeutschen.

Für sie bedeutet eine eben durchtelephonierte Nachricht über die Zusammensetzung des erwarteten Transportes, daß 286mal dampfende Würstchen und ebenso viele Obsttüten gerichtet sein wollen; daß 162 Päckchen mit Schokolade für die Frauen, 61 mal Rauchwaren für die Männer, 63 Bonbontüten und Milch für die Kinder ausgegeben werden müssen. "Da schickt die Posaunen erst noch mal schlafen ordnet sie an. – "Wie die unermüdlich oft direkt aus dem warmen Bett raus, hier auf dem zugigen Bahnhof Posaune blasen – muß einen freuen", sagt einer der DRK-Helfer, ein Bauer aus der Umgegend.

Der Zug stampft heran und hält. Neugierig staunende Gesichter hören andächtig die Ansprache des Vertreters des DRK. Die Helfer bringen Eßwaren und Lesestoff in die Abteile. Mit diesem Zug kommen endlich mehr junge Menschen, die früheren Transporte hatten fast nur ältere gebracht. Unter den Jugendlichen ist ein Tischler (19 Jahre), der zum Vater fährt; auch ein 23jähriger Techniker kam frei: jung und Fachkraft, das ist auch heute noch selten. Nach polnischem Gesetz scheidet ein Jugendlicher ab 10 Jahren als volljährig aus dem Familienverband aus. Praktisch bedeutet es, daß er zum Arbeits- bzw. Wehrdienst eingezogen wird; deutsche Volkszugehörige werden im Arbeitsdienst häufig für Grubenarbeit eingesetzt. Es gab Fälle, in denen Deutsche, die den Wehrdienst verweigerten, bestraft wurden – anderen wieder gelang es durch beharrliches Sträuben, sich zu entziehen. – Unter der neuen Regierung ist eine Änderung spürbar, insofern Wehrdienstfähige in größerer Zahl, vereinzelt sogar Spezialisten, herausgelassen werden. –

Im engen Gang des Transportzuges murmelt ein müder Mann mit gelblichen Zügen: "Nu hab ich mich so auf de Posaunen jefreut – und dabei jibt’s jar keine ... Als die uns am letzten ostzonalen Bahnhof durch Lautsprecher warnten, in Westdeutschland herrsche durch Ungarnflüchtlinge Hungersnot und Raummangel, noch könnten wir aussteigen – da dachte ich bloß an de Posaunen." Im selben Augenblick erklangen die Töne des Bläserchores: Lobet den Herren. Alles strömt zu den Fenstern. Zaghaft, dann immer kräftiger, sangen einige aus den Abteilen heraus mit. Für viele das erste deutsche Lied seit zwölf Jahren. Nun waren die Herzen freier, das Gespräch gelöster geworden. Man freute sich an den Gaben und begriff, daß sie nicht nur als Wegzehrung gemeint waren, sondern auch als Willkommensgruß. Würstchen kauend lehnten zwei hübsche Mädchen von 13 und 14 Jahren an der Wagentür. "Mutter, gib Messer!" Sie sprechen nur gebrochen deutsch, da sie in Ostpreußen alle auf die polnische Schule gehen mußten. "Ich war ja den ganzen Tag auf Arbeit", sagt entschuldigend die zarte schlanke Mutter. Was sie verdiente? "Monatlich 420 Zloty – als Köchin" (das entspricht der Kaufkraft von 42 DM (Ein PaarKinderschuhe kosten 230 Zloty, ein Kilo Butter 60 Zloty). Mit Bewunderung sehe ich in den Augen dieser Frau, daß die Fröhlichkeit nicht erloschen ist. Davon zeugen auch die munteren Töchter. Lösung des Geheimnisses – liebevolle Briefe des wartenden Ehemannes, manchmal ein Paket... "Als ich ihn das letztemal sah, war die Große gerade ein Jahr alt, und Suse lag in den Windeln."

Mit zwei scheuen Kindern steht da Friederike mit dem übergroß wirkenden Gesicht. Sie kommt von einem Landwirtschaftsbetrieb, dem einstigen väterlichen Gut, wo sie sich als "Magd für alles" abgeschuftet hat. Bargeld gab es nicht, es reichte eben gerade fürs Essen. 12 Jahre lang nach sechs Kriegsjahren. Im halbdunklen Abteil birgt eine Mutter das Gesicht ihres Jüngsten (von vier Kindern) auf dem Schoß. Sie ist so übermüdet, daß alles äußere Geschehen sie nur wie von ferne zu streichen scheint. Um durchzukommen, haben alle Kinder mitverdient. Auf die Frage "Na, da freut sich der Vater wohl, wenn ihr kommt?" lautet die zögernde Antwort "Vielleicht". Die hagere Hilde mit der strammen 19jährigen ist bitter geworden. "Im Monat gab’s 150 Zloty und Essen für Aufwartearbeit. Aber das ist es nicht... Mein Mann schickte einmal im Jahr ein Paket für die Tochter – nie etwas für mich." Das Mädchen aber meint mutig: "Oh, vielleicht kann ich sie wieder zusammenbringen – die Eltern." –