Der deutsche Botschafter gab beim römischen Besuch des Präsidenten der Montan-Union, Hans Furler, ein Frühstück. Da auch der weltbekannte deutsche Pianist Wilhelm Kempff gerade in Rom gastierte, der gewiß artigerweise seine Karte auf der Botschaft abgegeben hatte – sah das Kommuniqué folgendermaßen aus:

"Am Frühstück des deutschen Botschafters beim Quirinal und Frau von Brentanos nahmen teil: Der Präsident der Montan-Union, Hans Furier, Monsignore Schuchardt, Botschaftsrat Erich Eiswaldt, Botschaftsrat Dieter Sattler mit Gemahlin, Dr. von Hackwitz, Dr. von Hassell, Dr. Heumann, Dr. Boss mit Gemahlin, Dr. Kunisch und Prof. Kempff."

"Und?" Außer dem Botschafter, würde Fontane sagen, "Ritter, Edelfräulein und Volk": lauter nachgeordnete Beamte der Botschaft, sogar der Kanzler, die am runden Tisch Dienststunden absaßen und, wenn auch zum Teil unrechtmäßig doktoriert, keiner Erwähnung bedurften. Oder jedenfalls erst, nachdem der einzige weltberühmte Gast am Botschaftertisch erwähnt war: Wilhelm Kempff, dem man die Hälfte seines Weltruhms mit dem Vornamen gestrichen, den man aber dafür als Professor aufgeführt hat – vielleicht, damit er unter so vielen unrechtmäßigen "Doktoren" den Lesern der römischen Zeitungen nicht unangenehm auffalle. Sie werden "Prof. Kempff" für ein unbedeutendes, an letzter Stelle rangierendes Mitglied der Botschaft gehalten haben.

Ist es nicht mauvais genre oder, um mit Hamlet zu sprechen, "der Übermut der Ämter", wenn man die kleinsten Mitglieder der Botschaft aufzählt, ehe der weltberühmte Gast die Szene betritt?

Das Kommuniqué des begabten "Doktors" hätte besser so gelautet: "Für den in Rom weilenden Präsidenten der Versammlung der Montan-Union, Prof. Hans Furier, und den hier gastierenden berühmten Pianisten Wilhelm Kempff gaben der deutsche Botschafter und Frau von Brentano ein Frühstück, zu dem auch einige Mitglieder der Botschaft geladen waren." Dann wären die Gewichte richtig verteilt, wenn auch zwei oder drei junge Diplomaten auf ihre großzügig verliehenen Doktortitel verzichten müßten. Hans von Hülsen