Benzin: drei Pfennig teurer... Porto: drei Pfennig teurer... Die Motoren drehen sich weiter, der Strom der Briefe läßt nicht nach. Was aber geschah, als die Bauern für eine Erhöhung des Milchpreises um drei Pfennig je Liter plädierten? Folgendes schreibt uns ein Landwirt, dem das zweierlei Maß, mit dem seiner Ansicht nach gemessen wird, ein Ärgernis ist. Er deutet mit temperamentvoller Feder die verwegen klingende Frage an: Ist Benzin wichtiger als Milch?

Da nun der Suezkanal verstopft war, bemerkte das überraschte Europa, daß Öl ein nervus rerum ist. Um sich vor dem Schlimmsten zu bewahren, eilte alles, sich einzurichten, so gut es ging. Hier wurden Benzinkarten eingeführt, dort Fahrbeschränkungen an den Sonntagen verfügt. Selbst Königinnen verließen ihren Thron nur noch per Fahrrad und radelten so den Untertanen beispielgebend ein Dasein ohne Betriebsstoff vor.

Nur im Lande des Wirtschaftswunders ist von alledem nichts zu merken. Dank der harten Währung blickt die Führung der deutschen Wirtschaft gelassen in den aufgescheuchten Ameisenhaufen entölter Nachbarländer. Der Bürger wurde durch die Nachricht beruhigt, daß nichts zu befürchten sei, und fröhlich können Männlein und Weiblein den benzingetriebenen Vergnügungen nachgehen in der Überzeugung, daß eine weitsichtige Politik für die nötige Bevorratung gesorgt hat und daß Abkommen mit den ölhaltigen Ländern Amerikas sowie die Produktion aus eigenem Ölvorkommen die Gewähr bieten, daß kein Engpaß entsteht. Nur ein kleiner Wermutstropfen fiel – fast unbemerkt – in den Freudenkelch: 3 Pfennig Erhöhung für das Benzin und 5 Pfennig für Dieselkraftstoff pro Liter sind der Zoll, der für die vollkommene Befreiung von allen Molesten zu entrichten ist. Die Freude, die jeden erfaßt, daß er nicht zu denen gehört, die unter den Restriktionen leiden, lassen ihn diese Verteuerungen leicht tragen, denn es sind ja nur 3 Pfennig. Wo fallen 3 Pfennig schon ins Gewicht?

Als vor rund zwei Jahren der Milchpreis um 3 Pfennig erhöht werden sollte, da wurde die gewitzte Art der Arbeiter eines großen Werkes, die ihre Trinkmilch kurzerhand abbestellten, lobend erwähnt und als "der sinnvollste Streik seit Jahren" (siehe die ZEIT vom 18. November 1954) bezeichnet. Es schien wohl, als ob diese Milchpreiserhhöhung allein auf den Übermut der Milchpreiszurückzuführen sei, die wieder nicht genug erraffen konnten. So wenig Verständnis bringt diese sonst so aufgeklärte Welt den landwirtschaftlichen Belangen entgegen, obgleich deren Wichtigkeit der des Öles in keiner Weise nachsteht!

Reden wir nicht davon, daß die Milchspenderin Kuh ernährt und gepflegt werden muß, was allein dem Bauern Kosten verursacht (Kapitalverzinsung, Futtermittelaufwand, Melkerlöhne) – sprechen wir von Kosten, die nie beachtet werden: Die Milch, die erst gemolken werden muß, wandert von der Kuh zur Molkerei (Transportkosten). Hier wird sie gereinigt, pasteurisiert und tiefgekühlt (Aufbereitungskosten). Von der Molkerei geht sie zu den Groß verteilerstellen in die Stadt (Transportkosten) und von diesen Stellen an den Kleinhändler, der sie mit seinem Händlergewinn endlich dem Verbraucher zuführt. Rückschläge – wie zum Beispiel in den vergangenen Jahren durch das katastrophale Wetter – treffen unweigerlich den Erzeuger. Die Milchleistung der Tiere geht zurück, der Fettgehalt der Milch wird geringer. Als Naturprodukt ist die Milch abhängig von der Natur, von Regen und Sonnenschein. Die anderen Stellen, zum Beispiel Transportunternehmer und Händler, werden von diesen Rückschlägen nicht betroffen.

Professor Dr. Hans Brüggemann, Soest, hat im Max-Planck-Institut in Mariensee eine Aufstellung gemacht, nach der zehn Kühe aus Schleswig-Holstein bei ihrer Produktion von 7374 kg Milch mit 4,38 Prozent Fett einen Gewinn von nur 52 DM je Kuh erbracht haben. Hierbei wurde für 1 kg Milch (1 kg = 1 Liter) ein Erlös von 30,57 Pfennig in Ansatz gebracht. Der Bundesdurchschnitt des Milchertrages pro Kuh beläuft sich auf 3200 Liter, wobei der Fettgehalt etwa bei 3,5 Prozent liegt. Der Milchpreis beträgt im Bundesdurchschnitt heute 30 Pfennig pro Liter. Nach dem Ergebnis des Max-Planck-Instituts dürfte erwiesen sein, daß auf Bundesebene aus der Milch keine Rente mehr erzielt werden kann. Es ist zuzugeben, daß tbcfreie Milch, sehr fettreiche Milch und Vorzugsmilch andere Preise erzielen. Diese liegen aber höchstens 6 bis 8 Pfennig über dem Erzeuger-Durchschnittspreis.

Zurück zur 3-Pfennig-Erhöhung! Durch eine einfache Verfügung erhöhte der Herr Postminister das Porto für Drucksachen ebenfalls um 3 auf 7 Pfennige. Er hatte dabei die plausible Erklärung, daß sein Etat sonst zu sehr leide. Hiergegen erhob sich eine Stimme ebensowenig wie gegen die Benzinpreiserhöhung von 3 Pfennigen, die dank der Suezkrise erfolgte. Nur wenn die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse erhöht werden sollen, dann erregen sich einstimmig die Gemüter aller Parteien. Dann tagen Kabinettssitzungen in Permanenz. Grüne Pläne werden gemacht und geändert. Jedoch der Minister für Ernährung und gegen Landwirtschaft vermag sich bei seinen Kollegen nicht durchzusetzen. Er hat eben heute nur noch eine Minderheit von 14 v. H. der Bevölkerung zu vertreten, die nicht mehr interessant ist.

Fehlende Kenntnis über die wirtschaftlichen Belange der Landwirtschaft erklärt das mangelnde Verständnis für diesen Berufszweig, der doch schließlich das Fundament eines Volkes sein sollte. Sie ist die Ursache, daß 3 Pfennig einmal so und einmal anders bewertet werden. W. M.