Von Marion Gräfin Dönhoff

Delhi, Mitte Februar

Als ich am Tag nach der Abstimmung des Sicherheitsrats über die Kashmir-Frage den Chefredakteur einer großen Zeitung in New Delhi fragte, warum die Russen sich wohl der Stimme enthalten hätten, anstatt ein Veto einzulegen, beantwortete er nicht die Frage nach dem Warum, sondern rief ungeduldig aus: "Gott sei Dank haben sie das nicht getan; sie wären sonst womöglich in den Augen des indischen Volkes zu Helden geworden!"

Der indische Handelsminister Moraji Desai, der als einer der möglichen Nachfolger Nehrus gilt, meinte: "Der kürzeste Weg führt nicht immer am raschesten zum Ziel." Ich hatte ihn nämlich gefragt, ob es möglich sein werde, auf demokratischer Basis das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung Indiens so zu beschleunigen, wie dies aus politischen Gründen doch wohl erforderlich sei. "Ich glaube", meinte er, "daß ein sachlicher Vergleich zwischen unserem ersten Fünfjahres-Plan und dem ersten russischen durchaus zu unseren Gunsten ausfallen würde – von der menschlichen Seite ganz Zu schweigen."

Was er mit der menschlichen Seite gemeint haben mochte, ergänzte bei anderer Gelegenheit einer seiner Landsleute, der stolz sagte: "Bedenken Sie, was für eine Revolution sich seit einigen Jahren in Indien, vollzieht: die Beseitigung des Feudalismus, die Zentralisierung der Verwaltung, die "Entmachtung" des Money-lenders (des Geldverleihers) und die Aufrüttelung des indischen Bauern aus seinem tausendjährigen Schlaf. Und das alles, ohne daß ein Tropfen Blut floß." Die "Times of India" erinnerte dieser Tage gerade daran, daß Stalin, "wie er Churchill während des Krieges einmal beichtete, während seiner ersten Jahre fast zehn Millionen Bauern umgebracht hat", um die Revolutionierung der russischen Agrarwirtschaft durchzusetzen!

Das in Indien aus einer ganz bestimmten außenpolitischen Situation geborene Prinzip der Neutralität, das dann etwas voreilig zum Ethos erhoben wurde, galt nie und gilt nicht hinsichtlich des politischen und wirtschaftlichen Systems im eigenen Lande. Das ist es keineswegs gleichgültig, ob kommunistisch oder demokratisch. Da ist Nehru, da ist die öffentliche Meinung eisern und entschieden für Demokratie – sowohl im politischen wie im wirtschaftlichen Bereich.

In jenem Leitartikel der in Bombay erscheinenden "Times of India" werden denn auch Betrachtungen darüber angestellt, daß Koexistenz für Delhi und Moskau nicht das gleiche bedeutet: "Könnte es nicht sein", fragt der Schreiber, "daß der Kreml das Symbol des Stalinismus nur entfernt, um auf diese Weise das Hindernis zu beseitigen, das heute seinen eigentlichen Zielen entgegensteht?" Und weiter: "Die Frage, die wir uns darum vorlegen müssen, lautet, ob nicht unser Eifer für friedliche Koexistenz – so bewundernswert er sein mag – dazu führt, daß wir mithelfen, allmählich alle demokratischen Länder, einschließlich Indien, dem Kommunismus auszuliefern?" – Wenn man als zuletzt gehörte Äußerung aus dem heimischen Bonn die pythischen Äußerungen unseres Kanzlers mit auf den Weg nach Osten nahm: viele Begriffe müßten jetzt neu interpretiert werden, so läßt sich – in Indien angekommen – feststellen, daß auch hier manches anders interpretiert wird als vordem. Hier sind nämlich manchem Zweifel an der Arglosigkeit des sowjetischen Feldzugs der Koexistenz gekommen, während bei uns daheim einige den Fortschritt gerade darin erblicken, daß eben diese Zweifel als überholt ad acta gelegt werden.