Am fünfzehnten Februar vor hundert Jahren ist in Berlin der russische Komponist Michael Glinka gestorben. Er selber ist sich seiner Bedeutung niemals bewußt gewesen; erst nach seinem Tode stellte sich heraus, daß er als der Begründer einer kraftvollen Bewegung zu gelten hat, deren Auswirkung auch heute noch nicht am Ende zu sein scheint: der nationalen Schule russischer Musik. Meister wie Balakireff, Borodin und Mussorgsky haben immer wieder betont, daß ihr Stil ohne die Pionierarbeit dieses Genies niemals möglich gewesen wäre.

Michael Glinka: "Das Leben für den Zaren." Changalovich / Glavachevich / Miladinovich / Startz / Murgashki / Grubach / Dimitrievich / Chor der Jugoslawischen Armee / Orchester der Nationaloper Belgrad / Oscar Danon. (Decca LXT 5173/76.)

Dieser charmante Zögling eines Adeligeninternates erhielt schon früh von den besten damals in Petersburg lebenden Pädagogen Unterricht, unter anderem auch im Klavierspiel von John Field, dem Vorläufer Chopins, und auf der Geige von Joseph Böhm, dem Freund Beethovens. auf er immerfort kränkelte, sandte ihn der Vater in das warme Klima Italiens. Dort fühlte sich Glinka, der mit Männern wie Bellini und Donizetti freundschaftlich verkehrte, zum erstenmal zu eigener schöpferischer Betätigung angeregt. Seine Abneigung gegen Harmonielehre und Kontrapunkt aber, die er für "harsche und poesielose Angelegenheiten" erklärte, verhinderte das Zustandekommen von Leistungen dauerhafter Art.

Auf der Durchreise in Berlin dann erlebte er – völlig unerwartet –, daß über Nacht die Musik ihm und er der Musik zum bleibenden Besitz wurden. Er besuchte den dortigen Theorieprofessor Siegfried Dehn, in dessen Persönlichkeit strenge Gelehrtheit und freiheitliche Gesinnung friedlich nebeneinander wohnten. Dieser ungewöhnliche Geist erkannte sofort die eminenten Anlagen in dem jungen Lebemann, und er begeisterte ihn für die dramatischen Stoffe seiner heimatlichen Geschichte und für den reichen Schatz der russischen Volksmusik. ‚Er verjagte den Horror vor der grauen Musiktheorie mit solcher Gründlichkeit aus ihm, daß Glinka noch zwei Jahrzehnte später, als er längst ein berühmter Komponist geworden war, zu ihm nach Berlin zurückkehrte, um unter seiner Anweisung die kontrapunktischen Tiefen des vor kurzem wiederentdeckten Johann Sebastian Bach zu erforschen. Dann ereilte den noch verhältnismäßig jungen Meister ein vorzeitiger Tod.

Gleich die erste Oper Glinkas mit dem Titel "Ein Leben für den Zaren" hatte durchschlagenden Erfolg. Sie heftete eine Garde junger Genies an seine Fahnen, die nur der frühe Hingang des Meisters allzubald sich selber überließ. Der Briefwechsel, den zum Beispiel der bedeutendste unter ihnen, Mussorgsky, mit Glinkas Schwester geführt hat; legt von seiner Verehrung für den Meister und von seinem verzweifelten Gefühl über die Führerlosigkeit beredtes Zeugnis ab.

Die Decca-Gesellschaft hat diese Oper. Glinkas jetzt ungekürzt und mit einer stolzen, kompetenten Besetzung auf der Schallplatte veröffentlicht. Wir kennen die Belgrader Staatsoper unter ihrem feurigen Dirigenten Oscar Danon bereits von den Aufnahmen der Opern Mussorgskys und Borodins, auch hat sie durch ihre glänzenden Aufführungen bei den Wiesbadener. Festspielen viel von sich reden gemacht. – Der Komponist aber, der in seiner Bescheidenheit zeitlebens der Ansicht war, "das russische Volk ist der eigentliche Komponist meiner Werke, ich selber nur der Arrangeur", hat hier eine dramatische Kraft entfesselt, die sich jenseits von allen Problemen nationaler Musikästhetik bewegt. Chr.