London, Mitte Februar

Niemand im neuen Kabinett Macmillans macht soviel von sich reden wie Duncan Sandys (sprich: sänds). Wenn man die Leute auf den Straßen hier fragte, wer wohl der nächste konservative Premierminister werden könnte, dann wird jetzt sein Name öfter als jeder andere genannt. Das hängt natürlich zum Teil damit zusammen, daß die englische Öffentlichkeit sich gerade in diesen Tagen sehr mit den Fragen der Landesverteidigung (und ihrer Kosten!) beschäftigt – und daß eben Duncan Sandys der Inhaber des zuständigen Ministeriums ist. Die Macht und das Verantwortungsbereich des Verteidigungsministers in der neuen britischen Regierung sind größer als je zuvor. Aber Sandys ist nicht nur kraft seines Amtes ein interessanter Mann, sondern auch kraft einer Persönlichkeit, die schon vorher in der Konservativen Parteiführung immer mehr Gewicht gewonnen hatte.

Der 49jährige Duncan Sandys ist ein imposanter Mann, breitschultrig, mit energischem Kinn, kühlen, blauen Augen und rötlichblondem Haar. Bei einem Flugzeugunglück wurde er 1941 so verletzt, daß er seitdem leicht hinkt. Er spricht sehr langsam und manchmal gegen den Widerstand seiner Sprechwerkzeuge, ein wenig nach Art seines Schwiegervaters Winston Churchill. Churchills älteste Tochter Diana heiratete er 1935; heute hat diese Ehe keinen Bestand mehr.

Im Unterschied zu Churchill ist Sandys jedoch kein guter Redner. Das dürfte der eine große Nachteil für seine politische Karriere sein. Der andere könnte seine Ehe werden. Falls sie – was immerhin möglich wäre – geschieden würde, dann wäre er dadurch (wie das Beispiel Sir Anthony Edens gezeigt hat) zwar noch nicht unbedingt ausgeschlossen von der Nachfolge des Premierministers; aber er müßte auf heftigen Widerstand aus den Kreisen der Kirche und der Altkonservativen rechnen.

Duncan Sandys’ Vater – ein Kavallerieoffizier, der Politiker wurde – wohnte lange Zeit in Paris. Sein Sohn lernte dadurch Frankreich schon als Kind kennen und spricht noch heute fließend Französisch. Dann besuchte er die "richtige" Schule – Eton, und die "richtige" Universität – Oxford. Dort genoß er in Magdalen College das Leben eines studierenden Landedelmannes, der viel reitet und wenig arbeitet. Anschließend ging er in den diplomatischen Dienst und kam dadurch Anfang der dreißiger Jahre nach Berlin. Seit dieser Zeit hat er ganz gute Beziehungen zu Deutschen; spricht er auch ein recht brauchbares Deutsch. Im Anfang, so wird erzählt, bewunderte er Hitler sehr; erst später, als er von den in Hitlers Namen begangenen Grausamkeiten erfuhr, distanzierte er sich von ihm.

Bald langweilte ihn der diplomatische Betrieb, wo seine persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten in Routine und Protokoll erstickt wurden. Er beschloß, Politiker zu werden. Zunächst versuchte er, eine neue Partei zu gründen, die der englischen Politik frische Impulse geben und die britische Weltmachtstellung neu begründen und sichern sollte. Aber daraus wurde nichts. Statt dessen nahm Winston Churchill ihn unter seine Fittiche und brachte ihn ins Unterhaus.

Bei Ausbruch des Krieges galt Sandys als "Churchills junger Mann". Wie Churchill war er ein erbitterter Gegner Chamberlains und des Münchener Abkommens. Er diente als Artillerieoffizier im britischen Heer, nahm am Norwegenfeldzug teil und wurde, nach seinem Unfall, ins Kriegsministerium geholt (das in England das zivile Führungsorgan des Heeres ist).