Es war scheinbar nichts als ein Spiel, das ein paar Freunde sich ausgedacht hatten, und an dem einer von ihnen, Ernst Schnabel, seine Hörer ein wenig teilnehmen ließ ("Die guten, verlorenen Tage meines Lebens", NDR, Sonntag, den 10. Februar, 11 Uhr bis 11 Uhr 40). Das Spiel hat einfache Regeln: man braucht sich – in einer ruhigen Stunde – dabei nur vorzustellen, man könne einen Tag aus seinem Leben noch einmal erleben, einen ganzen Tag, nicht nur diese oder jene Stunde, die sich im Gedächtnis besonders festgegraben hat. Eines Einsatzes bedarf es für dieses Spiel nicht, und "jeder kann dabei nur gewinnen".

Auch gibt es keine Grenzen für das Spiel: es läßt sich immer wiederholen. Schnabel, als erfahrener "Spieler", legte drei Tage seines Lebens aus dem Schutt der Zeit frei. Hört man, was das für Tage sind, die er sich zurückholt, erfährt man zugleich auch viel vom Leben eines Menschen. Von den guten, verlorenen Tagen des eigenen Lebens berichten, heißt also nicht nur ein Spiel spielen, sondern auch so etwas wie ein Lebensbekenntnis ablegen. Das tat Ernst Schnabel.

Seine guten Tage waren keine großen Tage – groß an äußerer Bedeutung. Der erste (im Jahre 1913, Schnabel war damals vier Jahre alt) begann mit dem Erlebnis eines Sonnenaufgangs, das der Erzähler heute, nach vierzig Jahren, noch zu schildern weiß, als sei es gestern gewesen. Der zweite Tag (im Jahre 1935) sah ihn an Bord eines kleinen Trampdampfers in einem Hafen auf Formosa, wo er ein Erdbeben erlebte, und der dritte (schon nach dem zweiten Weltkrieg) wieder auf einem Schiff irgendwo im nördlichen Eismeer.

Woran lag es, daß man diesem Mann, der da 40 Minuten lang von einem kleinen Spiel erzählte, so gebannt lauschen mußte? Lag es einfach daran, daß das, was er erzählte, schlicht und natürlich war? Lag es nur an seiner Stimme? Oder woran sonst lag es? Im Fernsehen hat sich mehr und mehr herausgestellt, daß es nicht das technische Brimborium, die schillernde Vielfalt ist, die auf dem Bildschirm die stärkste Wirkung erzielt, sondern die Persönlichkeit, für die alle Technik nur Medium ist, nur Mittel zu dem Zweck, sich anderen Menschen mitzuteilen. Und das gilt – wie diese Sendung bewies – nicht nur für das Fernsehen, sondern auch für den Rundfunk.

Wäre es nicht der Überlegung der Programmplaner wert, ob an weiteren Sonntagvormittagen noch andere "gute, verlorene Tage" aus anderen Leben wieder zurückgeholt werden könnten? G.

Wir werden sehen:

Freitag, 15. Februar, 21.00 Uhr: "Und das am Montagmorgen", J. B. Priesterleys jüngste Erfolgskomödie wurde von Reinhard Eisner inszeniert.