RH-Hamburg

Von 11 000 Kindern, die in diesem Jahr in Hamburg die Aufnahmeprüfung für die höheren Schulen machten, haben 4200 Kinder nicht bestanden. Das teilte auf einer Versammlung des "Hamburger Elternbund e. V." ein Arzt, Vater mehrerer Schulkinder, mit. "Von 4200 Kindern", sagte er, "ist damit also erklärt worden, daß sie zu dumm seien, eine höhere Schule zu besuchen, so dumm, daß sie andere Kinder im Lernen hemmen würden."

Der Redner bezog sich mit dieser Feststellung auf den Grundsatz der negativen Auslese im Schulgesetz, nach dem Kinder, falls die Eltern es wünschen, in die höhere Schule aufgenommen werden müssen, wenn sie nicht die Entwicklung der anderen Kinder hemmen. Nicht die prinzipielle Richtigkeit solchen .Ausleseprinzips wurde hier bezweifelt, sondern – wie seit Jahren immer wieder – die Art der Ausleseprüfungen kritisiert. "Würden nur ausgesprochene Hemmer ausgeschlossen", sagte der Redner, "so brauchten wir hier heute nicht zu sitzen." In den noch nicht fortgeräumten Dekorationen einer Maskerade, unter bunten Papierwindmühlen und klein gewordenen Luftballons, die sich leise unter dem Kronleuchter bewegten, saßen im großen Saal des Winterhuder Fährhauses mehrere hindert Hamburger Väter und Mütter, dazu einige Lehrer. Fast alle Eltern und einzelne Lehrer bezweifelten, daß die Prüfungen eine geeignete Methode seien, herauszufinden, welches Kind auf der höheren Schule die Gescheiteren hemmen würde. Es ist anzunehmen, daß die Eltern der sogenannten "Hemmer" dort zahlreicher versammelt waren als die Eltern der potentiell "Gehemmten".

"Nicht selbstherrlicher Elternwille und falscher Ehrgeiz bestimmen unser Handeln, sondern die ernste Sorge um die gute Familie, deren Erhaltung und Stärkung allein die Grundlage jeder staatlichen Ordnung bildet", liest man auf einem Mitglieder-Werbeblatt, das der Elternbund am Eingang verteilen ließ.

Daß ernste Sorgen auch die Lehrer bewegen – ob sie nun für oder gegen die angewandten Prüfungsmethoden sind –, kam ebenfalls zum Ausdruck. Hamburger Nervenärzte hätten – so wurde berichtet – festgestellt, daß Lehrer die von ihnen am meisten behandelte Berufsgruppe sei (an zweiter Stelle stünden die Pastoren).

Am schlechten Gesundheitszustand der Lehrer sind sicherlich der fehlende Schulraum und die zu großen Klassen schuld. Aber auch, daß es üblich geworden ist, für Entscheidungen über Entscheidungen der Schule das Gericht anzurufen – eine Möglichkeit, die zu unserer Schulzeit höchstens als Wunschtraum eines Schülers denkbar war –, ist sicher weder für Pädagogen ermutigend, noch für Schüler im allgemeinen förderlich. Aber, es sei nötig, argumentieren die Eltern, denn "heute bestimmt das Resultat der Aufnahmeprüfung das Leben unserer Kinder bis zum Tode. Der Existenzkampf ist ins Kindesalter vorverlegt worden." Schon die Prüfung der Zehn- bis Zwölfjährigen nehme praktisch die Einteilung der Bevölkerung in geistige Führerschicht, in Handwerker- und Arbeiterstand vor; denn ohne Abitur "kann man heute nichts mehr werden".

Als dieses gesagt worden war, meldete sich ein Lehrer zum Wort und forderte dazu auf, der Volksschulbildung wieder mehr Hochachtung entgegenzubringen. Ihm wurde mit resigniertem Lachen geantwortet und mit Beispielen von Chancen und Nichtchancen, die Bewerber in der Wirtschaft haben.