Sollten die vielen leeren Plätze im Haus der Abgeordneten am Tage der Berlin-Debatte etwa darauf, deuten, daß Zweifel am Erfolg der Sache weit verbreitet sind, es wäre schlimm. Sollten die Bemühungen, Berlin bald zur Hauptstadt der Bundesrepublik zu machen, nur in einem Lippenbekenntnis geendet haben, es wäre blamabel. In Wirklichkeit ist jedoch kein Grund, die Fahne sinken zu lassen, weil leere Abgeordnetenbänke wieder einmal verrieten, daß die Zahl jener Volksvertreter nicht gering ist, denen im Alltag der parlamentarischen Geschäfte der Elan für nationale Repräsentation lahm geworden oder gar abhanden gekommen ist. Jener Mehrzahl der Abgeordneten aber, die im Saale blieben (man sollte einmal ihre Namen sammeln, um festzuhalten, wem es um Berlin ernst ist), muß man dankbar bekunden, daß sie temperamentvolle Fürsprecher und Vorkämpfer der deutschen Hauptstadt hatten, die – welcher Partei sie auch angehörten – sich von keinem politischen Gegner im heißen Bestreben übertrumpfen ließen. Bucerius, der Initiator des Berlin-Projektes, sagte schließlich, daß der vom Hause gebilligte Antrag zum Hauptstadt-Problem das Optimum dessen darstelle, was heute erreicht werden könne. Er sagte es nicht resignierend, sondern meinte: auch wenn nicht alle Wünsche großer Gruppen des Parlaments erreicht worden seien, sollte man sich über den gemeinsamen Erfolg einer gemeinsamen Arbeit freuen.

In Berlin wird ein Parlamentsgebäude errichtet werden; das Schloß Bellevue soll als Sitz des Bundespräsidenten vorbereitet werden; Bundesbehörden und Dienststellen der Ministerien sollen heute schon in die ehemalige und künftige Hauptstadt verlegt werden; kurzum: es soll in vielerlei Hinsicht alles geschehen, um die Stadt, die uns allen am Herzen liegt, für die Aufgabe vorzubereiten, wieder der alte politische Mittelpunkt Deutschlands zu sein. An diesem einmütigen Beschluß wird niemand rütteln können.

Gewiß ist Berlin von der "Zone" umschlossen, ebenso wie Wien einmal vom Machtbereich der Sowjets umschlossen war und dennoch die Hauptstadt Österreichs blieb. Berlin liegt trotz allem nicht aus der Welt. Es hat nicht aufgehört, seine Impulse auszustrahlen. Wir werden am Zustand Berlins, an dem Optimismus der Berliner oder an ihrer Resignation in jedem Augenblick messen können, welche Bedeutung, welche Kraft die Bemühungen der Bundesrepublik für die Wiedervereinigung Deutschlands besitzen.

Spätestens von heute an werden wir den Blick immer wieder auf Berlin richten müssen, wenn wir erkennen wollen, was wir selbst wert sind.

Josef Müller-Marein