H. H., Tegernsee

Nicht alle Bayern, die am Stammtisch hinter einem Maßkrug sitzen, trinken daraus Bier, Diese Feststellung ist das Ergebnis einer Beobachtung an Biertischen und einer Befragung von südbayerischen Wirten. Sie wurde selbst im Stammland des Gerstensaftes mit Überraschung aufgenommen. Es gibt heute kaum noch alteingesessene Bayern, die ihr tägliches Bier aus dem Steinkrug, dem sogenannten Keferloher, trinken. Eine Ausnahme machen nur noch die Besucher von Bierzelten auf dem Münchner Oktoberfest und den Wiesenfesten auf dem Lande. In den Gaststätten aber stehen die Maßkrüge heute das Jahr hindurch nur noch zur Zierde auf den Regalen, denn es wird ausschließlich im Glas ausgeschenkt. "Wenn an einem Stammtisch ein Gast hinter einem Maßkrug sitzt, dann möchte ich wetten, daß er kein Bier daraus trinkt." Dieser Ausspruch stammt von einem Rosenheimer Gastwirt, und seine in anderen Kleinstädten befragten Kollegen bestätigten, daß sie eine Reihe von Stammgästen besitzen, zu deren Gewohnheit es zählt, Wein aus dem Keferloher zu trinken. Der Maßkrug hat, abgesehen von seinem derzeitigen Wert als Souvenir für Sommergäste, vorwiegend Amerikaner, heute in Bayern seine Bedeutung als Volkstrinkgefäß eingebüßt. Die Wirte geben dafür drei Gründe an. Der Gast gibt dem Glas den Vorzug, da er sich von der Sauberkeit des Gefäßes ebenso überzeugen will, wie davon, ob man ihm gut eingeschenkt hat. Ferner ist der Anblick appetitanregend.

Für die Haltung der Personen, die Wein aus dem Maßkrug trinken, haben die Gastronomen nur eine Erklärung: "Die Herrschaften wollen sich nicht ins Haferl gucken lassen," Es handelt sich bei diesen Gäste ausschließlich um Stammgäste, alteingesessene Bürger sind, denen der Wein besser als das Bier schmeckt, die sich dem Genuß des Rebensaftes hingeben, die dies aber tun, weil, wie einer der versteckten Weintrinker es ausdrückte, "das koan Menschen nix angeht".

Während fast jeder der befragten Wirte "eine Kundschaft" hat, die Wein aus dem Maßkrug trinkt, verriet ein Gastronom, daß er einen täglichen Stammgast habe, dem jeden Morgen im "Krüagl" (Krug) der Sekt serviert werde. Zu diesen Ausnahmen zählt auch der Kiem Pauli, der bekannte bayerische Volksliederforscher vom Tegernsee. Dieser trinkt aber aus dem Maßkrug weder Wein noch Sekt, sondern – Milch.