Es muß einen Mann wie unseren Bundestagspräsidenten Gerstenmaier ein gutes Stück Selbstüberwindung gekostet haben, sich in eine Versammlung ehemals sehr aktiver Naziprominenz zu begeben, wie er das kürzlich im "Hermann-Ehlers-Haus" in Stuttgart getan hat. Da hat wohl der Christ Gerstenmaier dem Politiker Gerstenmaier tüchtig zugesetzt, bis dieser dem Drängen des ehemaligen höheren SS-Führers und HJ-Obergebietsführers Cerff nachgab und zu jenem Gedankenaustausch erschien, der unter dem Motto stand "Aussöhnung in Ehren". Da saßen sie: der Staatssekretär von Goebbels, Naumann, der ehemalige SS-Oberstgruppenführer Dietrich ehemalige Gau- und Stabsleiter, unter ihnen der Hauptamts- und Stabsleiter Sündermann, dessen Einfalt nur noch von seiner Dreistigkeit übertroffen wird, Schwarz van Berk, der im "Schwarzen Korps" und im "Reich" der jeweiligen "Sprachregelung" die gewünschte Fata Morgana entlockte. Da sah man den Tübinger Dozenten Dr. Graben der die Denazifizierung als die Ursache für die "Demontage der deutschen Wissenschaft" bezeichnete. Während die Demontage des deutschen Geistes durch den erzwungenen Verlust von Einstein, Thomas Mann und all den anderen diesen Dozenten Graben wohl nie bedrückt hat.

Nun, es ist nicht anzunehmen, daß ein nüchterner Realist wie Gerstenmaier unter diesen gespenstischen Totengräbern des Deutschen Reiches viele reumütige Sünder vermutet hat. Aber das Maß an gewollter Vergeßlichkeit, sich schamlos vordrängender Selbstgerechtigkeit und an Selbstbemitleidung der einst so Mitleidlosen, das dort zur Schau gestellt wurde, bedarf der öffentlichen Stellungnahme.

Um es kurz zu machen: Wir verzichten auf das "vorbehaltlose Bekenntnis" dieser Herren zum demokratischen Rechtsstaat. Wir wissen aus ihrer Vergangenheit, was von solchen Beteuerungen zu halten ist. Und wenn sie "freie Geschichtsforschung" und "freie Meinungsäußerung" verlangen, so mögen sie zur Kenntnis nehmen: wir haben beides ja längst! Hätten sie sich sonst erdreisten können, von der "Anerkennung guter Seiten der Vergangenheit" zu sprechen, was nicht gleichbedeutend sei mit einem Angriff gegen den heutigen Staat? Wir möchten von diesen "guten Seiten" des NS-Staates nichts hören; uns genügt der Anschauungsunterricht der anderen, der maßgebenden Seite: der Anblick der noch immer vorhandenen Trümmer unseres geteilten und zerstückelten Landes, der Millionen Soldatengräber. Ob ein Regime, das solches angerichtet hat, auch "gute Seiten" hatte, ist ebenso belanglos wie die Tatsache, daß ein Massenmörder gelegentlich freundlich lächelnd einem Kind Bonbons gab.

Es ist dem Bundeskanzler, seiner Regierung und unseren Parlamenten, es ist unserem fleißigen Volk, unseren Arbeitern, Technikern und Wirtschaftsführen gelungen, Deutschland wieder das Vertrauen der freien Völker zu erringen. Wir haben nicht die Absicht, das verständlicherweise noch immer leicht erregbare Mißtrauen des Auslandes dadurch zu wecken, daß wir just diejenigen "in Ehren rehabilitierten", die bis fünf Minuten nach zwölf an der Spitze der Wolfsmeute um den Verderber des Landes marschiert sind. Sie haben unserem Lande so sehr geschadet, daß sie, wenn sie nur ein Fünkchen Verantwortungsgefühl hätten, von selbst täten, was man von ihnen verlangen muß: nicht daran erinnern, daß sie noch da sind. R. Strobel