Auch in Amerika gewinnt die Druckgraphik ständig an Bedeutung – als Experimentierfeld der bildenden Künstler und als ein ideales Mittel, zeitgenössische Kunst unter die Leute zu bringen. Ähnlich unserer "Griffelkunst-Vereinigung" oder der alle zwei Jahre von deutschen Museen zusammengestellten "farbigen Graphik" gibt es in New York eine International Graphic Arts Society, die ihren Mitgliedern jährlich 20 bis 30 Handdrucke amerikanischer Künstler zu stark reduzierten Preisen anbietet. Sechzehn graphische Blätter aus den letzten drei Jahren werden zur Zeit in den deutschen Amerika-Häusern gezeigt.

Was man auf dieser Ausstellung sieht, ist nun freilich nicht sonderlich aufregend. Einen Faulkner oder Hemingway wird man unter den amerikanischen Malern und Graphikern vergeblich suchen. Über die technische Perfektion, den raffinierten Gebrauch der Farbe bei Holzschnitt und Radierung ist kein Wort zu verlieren. Aber künstlerisch lebt alles doch weitgehend von dem, was in Europa geschaffen wurde. Es sind die gleichen Stile und das gleiche Nebeneinander der Stile wie auf einer deutschen oder französischen Graphik-Ausstellung. Eine naheliegende Erklärung für diese Europahörigkeit der amerikanischen Kunst: Von den sechzehn beteiligten Graphikern sind mehrere in Europa geboren, andere haben in Europa studiert, und alle haben sie die großen europäischen Meister der Moderne von Picasso bis Klee und Kandinsky in den amerikanischen Museen und Galerien ständig vor Augen gehabt. Hinzu kommt jener kosmopolitische Zug der modernen Kunst, der nationale und kontinentale Unterschiede einzueben trachtet.

Das "typisch Amerikanische" liegt allein in der geringfügigen, aber unübersehbaren Abweichung von der allgemein verbindlichen Norm, in einem oft kuriosen Mißverstehen des von den europäischen Künstlern Gemeinten. Die abstrakte, die nonobjectiv art hat drüben viele begeisterte und auch geschickte Anhänger. Aber statt des ungeheuren geistigen Impetus, statt rasanter Gefühlsekstasen findet man in den amerikanischen Abstraktionen eine angenehme Oberflächendekoration. Noch dominierender sind die surrealistischen Tendenzen. Aber es fehlt die Grunderfahrung des europäischen Surrealismus von der Unheimlichkeit der Welt, und die surrealistische Technik, die Dinge aus der Kausalität herauszulösen, wird zu grotesken oder komischen oder auch symbolischen Wirkungen genutzt. "Fischernetze" von Richard Flörsheim werden in einer rein, naturalistisch aufgefaßten dunklen Küstenlandschaft zu sauber gebündelten Lichtfontänen. In Gabor Peterdis Farbradierung "Triumph der Steine" sieht man gelbe, braune, rosa, grüne und schwarze Steine auf eine Phantasiestadt niedersausen, und die Zerstörung, die sie anrichten, wirkt eher liebenswürdig als beängstigend. Der Künstler will, nach seinen eigenen Worten, "durch sinnlose und schreckliche Aktionen den Triumph des Lebens über die Destruktion" zum Ausdruck bringen. Leonard Baskin bedient sich einer naiven Symbolik, wenn er seinem "Frierenden Knaben mit Hund" einen roten Märchenvogel hinzugesellt. Dieser "Anatom des Mitleids", wie er drüben genannt wird, hat gleichsam die Nervenstränge, der Figur bloßgelegt und als dunkles Liniengeflecht ins Holz geschnitten. Am stärksten profiliert und durchaus amerikanisch in seinem etwas rüden, verwilderten Humor erscheint uns Maxil Ballingers Achtfarbenholzschnitt "Beim Spiel". Was diese Kinder da treiben, ist wirklich sehr ungemütlich, ein sadistisches Kriegsspiel, hart und brutal in seinen Farben und Konturen, und der symbolische Sinn dieses kindlichen Golgatha wäre auch ohne den Zivilverteidigungshelm genügend deutlich. Ballinger ist gebürtiger Amerikaner und war zehn Jahre lang, neben seiner künstlerischen Tätigkeit, Berater der Regierung für die friedliche Anwendung der Atomenergie. g. s.